SKICROSS: «Meine Karriere war schon beendet»

Marc Bischofberger hat in der Saison 2017/18 eine Olympiamedaille und den Gesamtweltcup gewonnen. Dabei fährt er erst seit etwa sieben Jahren Skicross. Seine einst hoffnungsvolle Alpin-Karriere wurde nach einer schweren Verletzung gestoppt.

Yves Solenthaler
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Die Ausbeute einer Traumsaison: Marc Bischofberger vor seiner Wohnung in Marbach mit der Kristallkugel und der Goldmedaille für den Sieg im Disziplinen-Weltcup sowie der olympischen Silbermedaille. (Bild: Yves Solenthaler)

Die Ausbeute einer Traumsaison: Marc Bischofberger vor seiner Wohnung in Marbach mit der Kristallkugel und der Goldmedaille für den Sieg im Disziplinen-Weltcup sowie der olympischen Silbermedaille. (Bild: Yves Solenthaler)

Yves Solenthaler

Im letzten Rennen seiner Wundersaison hat sich Marc Bischofberger verletzt: Zehn Tage nach dem Gewinn der Olympia-Silbermedaille stürzte er im Sunny Valley (Russland) und erlitt einen Anriss des Kreuzbandes im linken Knie.

Aber der vergangene Winter meinte es gut mit dem 27-Jährigen: Zwei Wochen danach wurde der Final-Wettkampf in Megève wegen schlechten Wetters abgesagt, womit der in Marbach wohnende Oberegger ohne eigenes Zutun den ersten Platz im Disziplinen-Weltcup ins Ziel brachte.

Beim Treffpunkt diese Wo­-che kommt Bischofberger gerade von der Physiotherapie in Bad Ragaz. «Das Knie so weit zu stabilisieren, dass ich nicht ope­rieren muss, ist mein aktueller Programmpunkt», sagt er. Er ist nicht auf Krücken angewiesen, hinkt nur ganz leicht und sagt, er verspüre kaum Schmerzen.

Wann entscheidet es sich, ob Sie unters Messer müssen?

Marc Bischofberger: Etwa sechs Wochen nach dem Unfall, also in drei Wochen.

Die Saison ist vorbei – warum ist das so wichtig für Sie?

Nach einer Operation falle ich sechs bis sieben Monate aus. Damit würde ich die Vorbereitung auf die nächste Saison verpassen.

Wie ist die Prognose?

Nicht schlecht. Ausser dem Kreuzband ist nichts kaputt. Die Situation ist vergleichbar mit Carlo Janka, der sich ja konservativ behandeln liess.

Janka hat’s für das damit verbundene Ziel – die Olympischen Spiele – nicht ganz gereicht.

Der Zeitpunkt der Verletzung ist aber nicht vergleichbar mit ihm: Janka hat sich kurz vor dem Saisonstart das Kreuzband gerissen. Ihm hat dann nur die Rennpraxis gefehlt.

Sie bestritten im März 2013 Ihr erstes Weltcuprennen. Eine schwere Verletzung hatten Sie bisher noch nie.

Ja, nur kleine Sachen. Ich habe jetzt 60 Weltcuprennen bestritten – fast alle am Stück.

Dennoch kennen Sie sich mit Verletzungen aus.

Vor elf Jahren hatte ich mich bei einem Slalom in Mellau noch viel schwerer verletzt als jetzt: Kreuzband und Seitenband abgerissen, Meniskus angerissen. Danach hatte ich über ein Jahr kein Rennen mehr bestreiten können.

Wie haben Sie diese Zeit in Erinnerung?

Gar nicht gut. Die Saison bis zu dieser schweren Verletzung – sie hat sich im März ereignet – war ziemlich gut. Nach diesem einschneidenden Ereignis habe ich mich zurückgezogen, im Sommer bin ich im Zimmer geblieben und habe die Vorhänge geschlossen.

Nach der Rekonvaleszenz sind Sie aus dem Kader des Ostschweizer Skiverbands geflogen.

Das stimmt so nicht. Ich bin zuerst sogar ins Regionale Leistungszentrum aufgenommen worden. Ein Jahr versuchte ich, wieder Anschluss zu finden. Aber die Resultate haben mich so frustriert, dass ich aufhörte.

Das war vor neun Jahren. Hatten Sie damals mit dem Skisport abgeschlossen?

Ja, für mich war meine Karriere zu dem Zeitpunkt beendet. Meine Zukunft sah ich in einem zivilen Beruf.

Wie sind Sie zum Skicross gekommen?

Die Disziplin hat mich schon damals interessiert – Mike Schmid war gerade Olympiasieger geworden. Aber letztlich half der Zufall: Fabian Streuli, ein gleichaltriger Kollege aus Zürich, der in seiner Karriere an einem ähnlichen Punkt stand wie ich, hat mit mir damit angefangen.

So haben Sie vor sieben Jahren in Melchsee-Frutt Ihr erstes Fis-Rennen bestritten. Wussten Sie sofort: Das ist jetzt meine Disziplin?

Ich hatte sofort Spass. Die Sprünge und das exakte Fahren entsprachen mir. Entscheidend war aber, dass uns ein Coach ermunterte, Skicross ernsthaft zu betreiben.

Dass im Skicross die Starts wichtig sind, ist Ihnen aber nicht entgegengekommen.

Am Anfang verlor ich am Start so viel Zeit, dass ich hoffnungslos hinten lag. Ich war oft im unteren Teil in den Top 5, aber am Start der Langsamste.

Dennoch kamen Sie vorwärts: Nicht mal zwei Jahre nach dem ersten Wettkampf gewannen Sie in Funaesdalen (Schweden) ein Fis-Rennen.

Genau, irgendwo im Nirgendwo . . . Die damals jungen Schweden fuhren dort, um Fis-Punkte zu holen – wir Schweizer standen ihnen aber oft vor der Sonne. Streuli war damals auch noch dabei – er hat aber wenig später aufgehört. Er hatte nicht denselben Biss wie ich.

Wenig später bestritten Sie Ihr erstes Weltcuprennen – ebenfalls in Schweden (Are).

Ich war wegen des schwachen Starts lange in den Heats nicht erfolgreich, aber jeweils in der Quali schnell. Das war wichtig, um in den Weltcup zu kommen.

Im ersten Weltcuprennen sind Sie knapp an der Quali gescheitert. Beim zweiten Einsatz in Kanada wurden Sie bereits Sechzehnter.

Das war damals ein Erfolg. Im Dezember 2013 fuhr ich in Innichen auf den siebten Platz, also in den Halbfinal. Das war riesig! Fortschritte erzielte ich auch, weil ich schon früh, etwa vor fünf Jahren, ins Rotor-Team von Marco «Büxi» Büchel kam – dank Coach Micha Eder und gemeinsamem Training mit Fiva, Niederer und Lenherr.

Im Europacup, der Vorstufe des Weltcups, hatten Sie bis dahin kaum Erfolge erzielt.

Ich bin noch nie im Europacup aufs Podest gefahren, das ist erstaunlich.

Dafür gibt’s eine Erklärung: Weil Ihre Schwäche der Start war, haben Ihnen die schwereren Strecken im Weltcup eher zugesagt.

Das ist wohl so. Damals war es als Schweizer auch einfacher, in den Weltcup zu kommen. Ausser Alex Fiva und Armin Niederer mussten alle Schweizer jeweils um die Quali fürs Rennen bangen.

Das hat sich mit Ihnen und auch Jonas Lenherr verändert. Und von hinten drücken weitere: Es ist keine Seltenheit, dass sieben Schweizer zum Rennen antreten.

Der gesteigerte Konkurrenzkampf wirkt sich positiv auf die Leistung aus. Jeder ist gefordert, um sich zu behaupten.

Trotz dieser Leistungsdichte betonen alle Schweizer immer und auch glaubwürdig die Harmonie, die im Team herrscht. Wie geht das?

Die Stimmung im ganzen Skicross-Weltcup ist gut, auch mit Fahrern anderer Nationen. Das ist, wie ich höre, sicher anders als bei den Alpinen.

Aber gerade bei den Schweizern ging es letzte Saison auch um Olympia-Startplätze.

Ja, schon. Aber der Konkurrenzkampf ist gesund geblieben. Im Olympia-Viertelfinal etwa hat Alex Fiva für mich Platz gemacht. Dafür bin ich ihm sehr dankbar: Er hat seine eigenen Chancen im wichtigsten Rennen hintangestellt, um meinen Erfolg zu ermöglichen.

Hätten Sie das an seiner Stelle auch getan?

Wir sind schon so ausgerichtet, dass wir im Duell mit dem Teamkollegen nicht die Brechstange auspacken. Man muss auch sehen, was die Alternative war: Wäre Fiva nicht ausgewichen, wären wir beide im Fangnetz gelandet.

Die Ungewissheit, ob Sie an den Olympischen Spielen starten können, hat Sie zu Saisonbeginn belastet.

Die Top 5 des letzten Gesamtweltcups, zu denen Fiva und Niederer zählten, brauchten nur die B-Limite (Top 16). Ich bin Sechster geworden und war deshalb mit drei Top-10-Plätzen am Anfang nicht zufrieden. Ich wuss­- te, dass ich aufs Podest fahren muss.

Dann kam Ihr Doppelsieg in Innichen – und damit das Ende aller Olympia-Diskussionen.

Damit fiel der Druck ab, das sah man auch an den folgenden Resultaten bis und mit Olympia.

Nach Olympia-Silber ist ein Rummel um Sie entstanden, den Sie zuvor nicht auch nur annähernd erlebt hatten.

Nach dem Rennen in Pyeongchang gab es einen endlosen Medienmarathon. Dann hiess es, jetzt folge noch eine kleine Pressekonferenz. Ich betrat den Saal – und vor mir stand eine Wand von Journalisten.

Sie schienen das gesteigerte Interesse zu geniessen.

Ich habe jeden Moment nach der Olympia-Medaille aufgesaugt. Ich befürchtete vor dem Hintergrund des Korea-Konflikts politische Fragen. Aber die Fragestellungen der Journalisten waren in Ordnung.

Politik interessiert Sie nicht?

Oh, doch. Ich informiere mich auch regelmässig. Aber es gibt Personen, die zum Weltgeschehen verlässlichere Aussagen machen können als ich.

Nach dem Gewinn der Kristallkugel war die Medienpräsenz weit geringer. Welcher Erfolg bedeutet Ihnen mehr?

Mein Trainer Micha Eder sagt, der Gesamtweltcup sei ihm wichtiger. Er bedeutet, dass ich die ganze Saison konstant an der Spitze fuhr – ich sehe es ähnlich. Aber die Olympiamedaille ist wohl in Verhandlungen mit Sponsoren ein gewichtigeres Argument.

Sie haben sich zwar in diesem Winter freistellen lassen, sonst aber noch als Polymechaniker gearbeitet. Werden Sie nun Vollprofi?

Das ist noch offen. Mein Trainer drängt darauf, diesen Schritt zu machen. Dadurch würde mir die Regeneration leichter fallen.