Singen oder nur so tun, als ob

Zu einer richtigen 1.-August-Feier gehört nicht nur die Rede eines mehr oder weniger bekannten Politikers, sondern auch das gemeinsame Singen der Nationalhymne.

Seraina Hess
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Es gibt viele Arten, den Schweizerpsalm zu singen. Nationalhymne an der Bundesfeier 2014 auf dem «Krone»-Areal in Rheineck. (Bild: Archiv/Seraina Hess)

Es gibt viele Arten, den Schweizerpsalm zu singen. Nationalhymne an der Bundesfeier 2014 auf dem «Krone»-Areal in Rheineck. (Bild: Archiv/Seraina Hess)

Zu einer richtigen 1.-August-Feier gehört nicht nur die Rede eines mehr oder weniger bekannten Politikers, sondern auch das gemeinsame Singen der Nationalhymne. Wer schon öfter an einer öffentlichen Feier war, wird festgestellt haben: Nur wenig entlarvt die Festbesucher so sehr, wie das Singen des Schweizerpsalms. Eine Typologie.

Das Chamäleon

Dieser Typ ist einer der häufigsten an 1.-August-Feiern. Meist jung und weiblich, versucht sich das Chamäleon bereits dann hinter dem vorgehaltenen Textblatt zu verstecken, wenn die Dorfmusik das Intro spielt. Gewiefte Chamäleons merken aber, dass das nicht viel bringt, und wechseln zu einer anderen Tarn-Taktik: Sie lesen den Text aufmerksam, bewegen die Lippen synchron mit den anderen Festbesuchern und hoffen, der Banknachbar singe laut genug, um die eigene fehlende Stimme wettzumachen. Chamäleons singen deshalb nicht, weil sie sich für ihren Gesang schämen, und nicht mangels Nationalstolz. Chamäleons sind übrigens auch im Gottesdienst anzutreffen.

Der Verweigerer

Im Gegensatz zum Chamäleon verzichtet der Verweigerer aufs Singen, weil er sich für das Hochjubeln des eigenen Landes schämt, und nicht für seinen Gesang. Der junge Revoluzzer, der nach Abstimmungen auch gerne mal online über die Schweiz herzieht, hätte eigentlich gar nicht an der Bundesfeier sein wollen – doch der Anordnung der Mutter hat selbst er sich nicht widersetzen können.

Der Gerührte

Spätestens ab der zweiten Strophe werden die Augen des oder der Gerührten glasig. Bei der dritten zückt er das vorsorglich mitgebrachte Taschentuch, und bei der vierten Strophe tupft er sich die eine oder andere Träne weg. Der Gerührte würde ja eigentlich gerne mitsingen – nur leider verkommt seine Stimme, vom Heimatgefühl überwältigt, in der Mitte der Nationalhymne zu einem Krächzen.

Der Eifrige

Der Eifrige ist genaugenommen der Einzige, der der Sängerschar tatsächlich etwas Stimme verleiht. Er ist in zwei Typen zu unterteilen. Entweder es handelt sich um ein Mitglied des örtlichen Chors, Singen gehört zu seinen liebsten Beschäftigungen – und das will er den anderen Gästen natürlich auch zeigen.

Oder aber es handelt sich um den Typ II, meist männlich und über vierzig, Schweizer Armee-Sackmesser in der Hosentasche und zu Hause schon seit Mitte Juli mehrere Schweizer-Fähnli in den Geranien-Blumenkisten. Der Eifrige kann die Hymne selbstverständlich auswendig – und findet es eine Schande, dass die meisten den Text ablesen müssen.