Silvester Orakel-Spektakel

Garten

Urs Stieger
Drucken
Teilen
Silvester Orakel-Spektakel. (Bild: Urs Stieger)

Silvester Orakel-Spektakel. (Bild: Urs Stieger)

Sie machen auch keine Vorsätze? Wie fast alle, die sich dann trotzdem noch das und jenes vornehmen, jedenfalls etwas, das sowieso so wird, wie man will? Oder immerhin den Vorsatz machen, heute Abend früh ins Bett zu gehen, mit drei Schichten Ohrenpfropfen, morgen wird es wieder hell …

Mein Vorsatz ist jedes Jahr, keine Vorsätze zu machen oder sich zu erinnern, wie viele Male im Jahr man gesagt hat: Nie wieder!

Viel besser als Vorsätze, die man zu allem Übel auch noch einhalten will, sind Orakel. Bei einem Orakel kann man nichts dafür, wenn es sagt, dass man täglich ein, zwei «Schoggibrögeli» geniessen soll. Als Beispiel. Es ist ja auch eine Frage, was man vom Orakel hören will. Es fragt nicht, wie viel Vernunft vernünftig ist. Das Orakel ist völlig autonom. Der Schweizer Künstler Hans Arp hat einmal den Ausdruck gebraucht: «Durch das Gesetz des Zufalls geordnet.»

Pflanzenorakel sind seit Urzeiten der Schlüssel bei Zeitenumbrüchen, persönlichen Veränderungen, wichtigen Entscheidungen. Schon klar, sogar als Fernsehloser weiss ich, dass man jede Menge von dem Stoff von kurligen Personen mit indischen oder antiken Götternamen bekommt.

Aber so im Familienkreis, wenn die Kinder eh schon lange mit Feuerzeug und Raketen auf die Stunde X warten, am Tisch oder im Garten mit einer wassergefüllten Schale auf die Meinung Ausserirdischer zu hören, macht Spass. Die lange Wartezeit auf Mitternacht haben die Erwachsenen vielfach schon etwas begossen, was dem Ernst der Sache eher entgegenkommt. Kleine, fast abgebrannte Geburtstagskerzen werden in eine Hälfte einer Baumnuss gesteckt. Diese Minischiffli, jeder und jede hat eines, werden ins Wasser gesetzt und die Kerze angezündet.

Licht löschen und schweigsam warten. Das Orakel wird sagen, mit wem wir uns nächstes Jahr besonders beschäftigen werden/sollen/müssen/könnten. Das eigene Schiffli wird zu jemandem fahren, das ist es! Oder eben nicht, weil die stolze Jacht zu jemand anderem fährt als zur Auserwählten. Wenn es absäuft oder kentert, bedeutungsschwangerer Vorgang, hat man vielleicht zu viel riskiert und die Kerze zu lange gemacht.

Man kann es auch anders machen. Meine Frau und ich sind einmal am Silvesterabend in den Bergen wandern gegangen, keine Uhr, Handy sowieso nicht. Nichts hörte man, kaum einen Hauch. Wir haben das Neujahr um zwei Stunden verpasst …

Urs Stieger

Berneck

www.u-stieger.com