«Sie müssen keinen Sport treiben»

BERNECK. Der in Berneck wohnende Hans Rickli, Chefarzt Kardiologie am Kantonsspital St.Gallen, fährt regelmässig mit dem Velo von Berneck zur Arbeit in St.Gallen. Aber nie verbissen. Oft nimmt er das Postauto bis Oberegg.

René Schneider
Merken
Drucken
Teilen
Hans Rickli: «Ich will als Kardiologe vorleben, was ich predige.» (Bild: René Schneider)

Hans Rickli: «Ich will als Kardiologe vorleben, was ich predige.» (Bild: René Schneider)

Hans Rickli ist Initiant und Organisator der «Tour de Coeur» (s. Kasten) für Schweizer Kardiologen. Vor ein paar Wochen fuhr der Bernecker mit seinen Kolleginnen und Kollegen von Genf nach Barcelona an den jährlichen europäischen Kardiologie-Kongress. Sie bezahlen ihre Fahrt selber und nehmen Ferien für die Reise an den Kongress.

Hans Rickli, wie viele Defibrillatoren und Herzschrittmacher hatten Sie als Reiseleiter dabei?

Hans Rickli: Herzschrittmacher keine, aber tatsächlich drei Defibrillatoren. Wir fuhren in drei Leistungsgruppen, und jeweils einer von uns hatte einen Defibrillator in seinem Rucksäckli. Das mag seltsam anmuten, aber es wäre doch peinlich, wenn einer von uns einen Schwächeanfall hätte und nicht mal wir Kardiologen einen Defibrillator dabei hätten. Das Risiko ist gering, aber die Möglichkeit eines Notfalls besteht.

Ist die Tour de Coeur ein Rennen oder eine Spazierfahrt?

Rickli: Weder noch. Es ist eine Fernfahrt, bei der sich die Teilnehmenden selber in eine der drei Gruppen einteilen. Diese starten am Morgen mit einer halben Stunde Abstand. Am Mittag trifft man sich jeweils zum gemeinsamen Essen.

Und die Schnellsten besorgen danach den Abwasch?

Rickli: Ja, so ungefähr. Wir wären als grosse Radfahrer-Gruppe ein Verkehrshindernis. Die Crew im Begleitfahrzeug bereitet jeweils einen schönen Rastplatz und ein feines Mittagessen vor.

Sind Sie einer der Abwascher?

Rickli: Ja. Ich kanns nicht lassen. Ich muss mit den Schnellsten fahren. Ich übe aber auch dafür und fahre regelmässig mit dem Velo von Berneck nach St. Gallen zur Arbeit. Nicht jeden Tag, und nie verbissen. Oft frühstücke ich gemütlich, nehme dann um 6.35 Uhr das Postauto bis Oberegg und fahre zum Kantonsspital. Ich kenne alle Velowege und Varianten von Berneck nach St. Gallen. Auf dem Heimweg fahre ich immer die ganze Strecke mit dem Velo.

Fahren Sie während des ganzen Jahres mit dem Velo?

Rickli: Nein, von März bis in den Oktober. Es ist wunderbar. Man glaubt nicht, wie viele Möglichkeiten es gibt, von Berneck nach St. Gallen zu fahren, was ich dabei sehe und erlebe, das unterschiedliche Wetter, das Licht, die verschiedenen Stimmungen, der Mond über dem Rheintal.

Wie viel Geld haben Sie gesammelt dieses Jahr mit der Tour de Coeur?

Rickli: Die Abrechnung steht noch aus, aber der Betrag wird wieder deutlich über 100 000 Franken liegen.

Ist der Start immer in Genf?

Rickli: Nein. Er hängt vom Ziel ab. Und weil die Tour nur eine Woche dauert, fuhren wir dieses Jahr ein Stück mit dem TGV. Ich gebe jeweils die ungefähre Strecke vor, und ein sehr guter, professioneller Veranstalter kümmert sich um den Rest, also um Begleitfahrzeug, Hotels, Verpflegung, Transporte.

Wo ist der nächste Kardiologen-Kongress?

Rickli: In London. Ich weiss noch nicht, wie wir mit den Velos dorthin gelangen. Aber wir werden hinfahren, und im Folgejahr dann nach Rom.

Wie wenig Sport müsste ich treiben, wenn ich möglichst lange ein gesundes Herz haben möchte?

Rickli: Sie müssen gar keinen Sport treiben. Tägliche Bewegung und eine einigermassen gesunde Ernährung reichen aus. Drei- bis fünfmal pro Woche dreissig Minuten Bewegung, in den Alltag integriert, ist ausreichend. Das muss nicht schweisstreibend sein. Es reicht, wenn man dabei leicht ausser Atem kommt. Es reicht, zu Fuss zügig von Berneck nach Heerbrugg zu gehen.

Ab wann wird Sport ungesund?

Rickli: Wenn zu wenig Zeit bleibt für die Erholung, und wenn man seine körperlichen Grenzen nicht respektiert.

Was haben Sie – für Laien Verständliches – gelernt in Barcelona?

Rickli: Es bestätigt sich immer mehr, dass in der Kardiologie in den allermeisten Fällen Medizin und Medikamente nur zur Hälfte zur Verbesserung beitragen. Den Rest trägt der Patient mit seinem Verhalten bei.