Schweiss für grosse Ziele

Ringen soll ab 2020 nicht mehr olympisch sein. Wie reagieren die betroffenen Sportler in Kriessern; da, wo im Prinzip jeder berühmte Bewohner ein Ringer ist? Ortstermin im Ausbildungszentrum der Ringerstaffel.

Samuel Tanner
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KRIESSERN. Als Hugo Dietsche seine Ringer an diesem Dienstagabend auf die Matte bittet, haben einige von ihnen gerade die Perspektive verloren. Aus dem Grund beginnt das Training anders als üblich; Cheftrainer Dietsche setzt sich auf zwei aufgetürmte Bänke und spricht zu den Kämpfern. 13 Kadetten, Junioren, Aktive. Ob sie es schon gehört haben, fragt er sie. Er habe versucht, den Ball flach zu halten, wird er später erklären, er habe versucht zu zeigen, dass der Entscheid bis im September vielleicht doch noch einmal überdacht werden könne.

Der Entscheid: Das Internationale Olympische Komitee (IOC) gab am Dienstagmittag in Lausanne, 344 Autokilometer entfernt von Kriessern, bekannt, dass Ringen ab 2020 nicht mehr olympisch sein soll. Die Funktionäre kippen damit eine Kernsportart mit langer Tradition aus dem Programm, seit den ersten Spielen der Neuzeit 1896 in Athen gehört das Ringen dazu. Nun könnten Rollsport oder Wushu den Startplatz erben.

Wushu ist eine traditionelle chinesische Kampfkunst. Die Athleten sehen in ihren Gewändern aus, als seien sie einem asiatischen Comic entstiegen.

Heldenbild von Hugo Dietsche

Steigen die Kriessner Ringer fürs Training hinab in ihre Halle, die unter der Erde liegt, kommen sie an vielen Bildern vorbei. Sofort ins Auge sticht ihnen ein Porträt ihres Cheftrainers Hugo Dietsche. 21 Jahre alt war er auf dem Bild und Gewinner der olympischen Bronzemedaille an den Spielen 1984 in Los Angeles, USA. Der letzte Schweizer, dem das gelang. «Ich war damals ein Senkrechtstarter, noch sehr jung. Und vier Jahre später drehte das Fernsehen vier Beiträge über mich», sagt Hugo Dietsche. Auf einem anderen Bild wurde er Jugendweltmeister in Colorado Springs, USA, August 1981. Um ihn haben sich die Leute aus dem Dorf postiert. Es ist ein Heldenbild.

Noch ein schönes Sujet: Kurt Furgler unter den Athleten der Kriessner Ringerstaffel. Der Bundesrat hält gerade eine Rede und einen Pokal in der Hand; er war damals Gast auf der Feier für den Mannschafts-Meistertitel.

Aber solche Geschichten nützen jetzt auch nichts mehr.

Hugo Dietsche, mittlerweile 49 Jahre alt und Betriebselektriker in einer Chemiefirma, blickt nachdenklich auf seine Schützlinge. Das Training läuft, er hat eine freie Minute. Dietsche, ein kleiner, kräftiger Mann, war schockiert, als er die Meldung am Nachmittag bei blick.ch gesehen hat. Er sieht die Sache so: «Wir sind die älteste Sportart, ich habe gemeint, das ist etwas wert. Aber jetzt geht doch der olympische Gedanke verloren, wenn das Ringen gestrichen wird. Nur weil es kommerziell zu wenig erfolgreich ist. Der Aufhänger für unsere Junioren war immer Olympia. Unser Sport war alle vier Jahre mal in den Medien, das fehlt bald. Wie auch das grosse Ziel.»

In Kriessern dürfte der Entscheid des IOC grössere Bestürzung ausgelöst haben als andernorts. Mit Hergiswil, Willisau und Freiamt gehört man zu den Vereinen mit der besten Infrastruktur und den besten Kämpfern im Land. Da ist Hugo Dietsche, die Legende. Da sind Urs Bürgler und Beat Motzer, Olympia-Teilnehmer aus der Nachbarschaft. Im Prinzip ist jeder Kriessner, der es ins Fernsehen schafft, ein Ringer.

Auf der Matte scheinen die Kadetten, die Junioren und Aktiven solche Gedanken gerade gut zu verdrängen. Es wird konzentriert gearbeitet. Den Ton gibt Avis Dzavadov an, ein kleiner, hagerer Mann mit kyrillischen Buchstaben auf dem Shirt. Er ruft: «Das isch Arbeit, jawoll Philipp, das isch deine Spezialität!»

Sie üben gerade zwei Angriffsvarianten und der Junior mit der Aufschrift SUI HUTTER schaltet seinen Trainingspartner mit einer flinken Finte aus. Der russische Trainer meint Philipp Hutter, derzeit die grösste Nachwuchshoffnung im Verein.

Hutter ist mehrfacher Schweizer Meister und Medaillengewinner an internationalen Titelkämpfen, dazu Rheintaler Sportler des Jahres. Er will bald die Sportler-RS absolvieren und nennt Olympia 2016 in Rio, Brasilien, sein grosses Ziel. Dafür steht er auch an diesem Dienstagabend wieder in der Halle.

100 000 Franken für Ruhm

Er wird nach der Einheit sagen: «Ich habe Glück im Unglück. Bis 2016 bleibt Ringen ja olympisch. Schlimmer ist es für die jüngeren Kollegen. Sie kriegen «oas uf da Deckel». Aber man fragt sich bei so einem Entscheid schon: Wofür trainiere ich so hart? Wofür will ich es als Halbprofi versuchen?»

Patrick Dietsche, 45, Entwicklungsingenieur, ist der Mann für die genauen Zahlen und Daten in diesem Verein. Er ist Chef Leistungssport beim nationalen Verband und schreibt für die Zeitung über das Ringen. Dietsche tritt nun auch ein ins Ausbildungszentrum, er ist ein grosser Mann mit markanten Gesichtszügen und klaren Sätzen. Als Ringer gehörte er zur zweiten Garde, wie er sagt, als Funktionär gehört er zur ersten. Dietsche sagt: «Ob Philipp die Selektion für die Sportler-RS schafft, wissen wir im Sommer. Aber es sollte klappen. Er ist auf gutem Weg, neulich sassen wir zusammen und zeigten ihm, was Rio 2016 für ihn bedeuten würde – er müsste 100 000 Franken investieren und viel Zeit. Für Ruhm und Ehre, nicht viel mehr.»

Hinter Patrick Dietsche ruft der russische Trainer: «Jawoll, das isch Arbeit!» An der Wand, an die er sich anlehnt, hängt ein Zettel mit einem Spruch von Goethe. «Erfolg hat drei Buchstaben: TUN.»

Patrick Dietsche hat am Mittag per Mail vom Entscheid des IOC gelesen, er hatte das nicht erwartet – so wie das niemand erwartet hatte. «Ich habe gedacht, dass sie uns vielleicht einige Gewichtsklassen streichen oder einen der beiden Stile.» Im Ringen werden in Rio 18 Medaillensätze verteilt, nur in der Leichtathletik und im Schwimmen sind es mehr. Und jetzt soll die Sportart plötzlich zu wenig attraktiv, zu wenig fernsehtauglich sein.

Fragen sich die Ringer da auch, ob sie Fehler gemacht haben?

Patrick Dietsche sagt: «Sicher. Nehmen wir das Schwingen: Dieser Sport ist hervorragend positioniert, wird gut verkauft. Uns gelingt das nicht. Zudem hat der Verband in den letzten Jahren versucht, den Sport über das Regelwerk attraktiver zu machen. Wahrscheinlich haben wir eher das Gegenteil bewirkt. Wenn heute einer zum ersten Mal in die Halle kommt, versteht er nicht, wer warum gewonnen hat.»

Die Ringer wissen, dass ihr Sport technisch ist, dass die Mitgliederzahlen nach unten zeigen, dass es trendigere Sportarten gibt, dass die Lobbyarbeit intensiviert werden muss. Aber mit dem Rauswurf hat niemand gerechnet, Hugo Dietsche befürchtet negative Auswirkungen im Juniorenbereich, zumindest mittelfristig. Er steht, die Arme verschränkt, an der Matte, und sagt: «Wir können nicht viel machen. Abwarten und Tee trinken, sagt man doch. Vielleicht wird der Entscheid noch einmal überdacht.»

Immerhin ist ja Tontaubenschiessen auch noch olympisch.

Dann ist das Training beendet, Cheftrainer Dietsche und seine Schützlinge gehen duschen. Oben, vor dem Ringerzentrum, in der kalten Kriessner Nacht, röhrt der Lüftungsschacht. Er befördert die schweissgetränkte Luft aus der Ringer-Garderobe nach draussen. Schweiss für grosse Ziele, eigentlich.