«Schöne Rede, aber viel zu kritisch»

Als 1970 Hanna Sahlfeld-Singer als erste Frau die Festrede am 1. August in Altstätten hielt, waren nicht alle begeistert.

Benjamin Schmid
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Am 1. August 1970 hielt Hanna Sahlfeld-Singer als erste Frau die Festrede in Altstätten. Spontaner Beifall unterstrich die symbolische Bedeutung dieses Schrittes. Als Vorkämpferin des Frauenstimmrechts forderte sie dieses ein.

Sie glaubte, um den Bürgern und Bürgerinnen den 1.August wirklich wieder als Nationalfeiertag ins Bewusstsein zu bringen, bedürfe es wohl mehr als eines Volksfestes. Sie konnte einer 1.-August-Feier sehr wohl einen Sinn abgewinnen, aber nur, wenn dabei nicht mythologisiert, nicht geschwärmt und nicht getäuscht werde.

Wie war Ihr Gefühl, als erste Frau die 1.-August-Rede in Altstätten zu halten?

Hanna Sahlfeld-Singer: Mein Beruf brachte es mit sich, öffentlich zu reden. Ich predigte gerne, und zwar in dem Sinn, dass die Gemeindemitglieder Trost und Stärkung durch die auf Bibelworte bezogene Rede erfahren konnten. Etwas Anderes war es nun, am 1.August, also am Nationalfeiertag eine Rede zu halten. Es war aber für mich nicht das erste Mal. Bereits 1968 war im Toggenburg zu lesen: «Fräulein Vikarin Singer hält die Festrede.»

Wissen Sie noch, was Sie gesagt haben?

Ich wollte nicht einfach eine Festrede mit dem Loblied auf die heroische Geschichte der Schweiz halten. Ich wollte mich nicht mit einem gemütvollen Abend mit Volksmusik und Höhenfeuer zufriedengeben. Ich wollte zum Nachdenken über mögliche Probleme in diesem Staat anregen. Das ist doch die Chance in einer direkten Demokratie.

Welche Schwerpunkte setzten Sie dann in Ihrer Rede?

Selbstverständlich die Forderung nach dem Stimm- und Wahlrecht für uns Frauen. In der evangelischen Kirche konnten wir Frauen seit einigen Jahren damit Übung machen. Es schadete weder den Gemeinden noch den Frauen noch den Familien. Ein weiterer Punkt war der Hinweis auf die Möglichkeit eines Zivildienstes für jene jungen Männer, die aus Glaubens- und Gewissensgründen den Wehrdienst ablehnen. Dienst am Mitmenschen in Bereichen der Alten- und Krankenpflege statt ein Aufenthalt im Gefängnis – ich konnte mir das vorstellen. Und als Letztes plädierte ich in meiner Festrede für einen fairen Umgang mit Andersdenkenden, um durch Diskussion und Auseinandersetzung zu guten Lösungen zu kommen. Mir lag eine lebendige Demokratie sehr am Herzen – um die Zukunft zu gestalten.

Welche Rückmeldungen gab es auf Ihre Rede?

Am Tag drauf stand ein Leserbrief in der Zeitung, etwa folgenden Inhalts: Die Rede von Frau Pfarrer sei so weit schön gewesen, aber viel zu kritisch. 364 Tage im Jahr kritisiere der Schweizer, am 365. Tag, eben am 1. August, sollte er einmal danken, dass er so viel kritisieren und schimpfen dürfe. Leicht missverstanden: Danken, dass wir unsere Meinung äussern dürfen? In der Demokratie ist das keine Gnade, sondern ein hoch zu haltendes Recht.

Mein Mann erinnert sich an eine Äusserung eines ihm gut bekannten Mannes: Früher hätte man solche Reden wohl niedergeschrien und den Redner heruntergeholt.

Wie reagierte Ihr Umfeld?

Ich konnte immer mit deren Unterstützung rechnen. Eigentlich wäre 1970 der evangelische Pfarrer dran gewesen, die Rede zu halten. Weil er kein Schweizer Staatsbürger war, hatte er sofort mich vorgeschlagen.

Wie ging es für Sie weiter?

Meine Arbeit in der Gemeinde als Teilzeitangestellte ging weiter. Drei Monate später kam unser erster Sohn zur Welt. Im Februar 1971 erlangten die St.Galler Frauen das Stimmrecht auf eidgenössischer Ebene und ich wurde in den Nationalrat gewählt. Alles Weitere ist eine Geschichte für sich.