Schöne Osterschriften verlangt

Vor zwei Jahrhunderten hatten Schüler in den Wochen vor Ostern kunstvolle Osterschriften anzufertigen. Dabei war grosse Disziplin gefordert.

Peter Eggenberger
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«Welcher Mensch dem Herrn gefället, dem giebt er Weisheit» – prachtvolle Osterschrift mit reich verziertem Initial von 1813. (Bild: Peter Eggenberger)

«Welcher Mensch dem Herrn gefället, dem giebt er Weisheit» – prachtvolle Osterschrift mit reich verziertem Initial von 1813. (Bild: Peter Eggenberger)

WOLFHALDEN. «Die Lehrer besassen damals so gut wie keine Vorbildung für ihren verantwortungsvollen Beruf», heisst es in der 1952 erschienenen Orts-Chronik von Wolfhalden. «Wer zu keinem anderen Beruf Lust und Geschick hatte, der suchte seinen Brotkorb in der Schulmeisterei. So auch H. C. Sturzenegger, der 1793 in den Dienst der Schulrhode Hub-Sonder trat, die 1786 im Weiler Hub ein neues Schulhaus erbaut hatte. Vor dem Schuldienst stand Sturzenegger zehn Jahre lang als Söldner in holländischen Diensten. Aus seiner Soldatenzeit war er mit einem Holzbein heimgekommen und wurde bald zu einer legendären Figur.»

Mit Gänsekiel und Tinte

Wie damals üblich, verlangte auch Sturzenegger von seinen Kindern saubere Osterschriften, die in mühseliger Arbeit mit Gänsekiel und Tinte anzufertigen waren. Der Brauch der Schriften geht auf das 17. Jahrhundert zurück. Auf ein grosses Blatt schrieben die Schüler Verse aus der Bibel oder dem Gesangsbuch ab. Am Schluss erfolgte die Wiedergabe des grossen und kleinen Alphabets.

Gnadenloser Spott für Versager

Dann verzierte der Lehrer die Schrift mit einem prachtvollen Anfangsbuchstaben, dem Initial. Am Examen kurz vor Ostern prüften der Dorfpfarrer und die Schulvorsteherschaft die Schriftblätter und rangierten sie. Freude und Erleichterung herrschte bei den Kindern mit einem Platz im vorderen Drittel, während die Letztrangierten als Versager gnadenlos dem Spott ihrer Mitschüler und oft auch der Erwachsenen ausgesetzt waren.

Höhepunkt Ostermontag

Vor Ostern wurden nicht nur schöne Schriftblätter erstellt, sondern auch die am Ostermontag in der Kirche durchgeführten Feierlichkeiten zum Schulschluss vorbereitet. Am grossen Tag marschierten die Schulklassen und ihre Lehrer zur Kirche. Nach der kurzen Predigt des Pfarrers erfreuten die Kinder mit ihren eingeübten und auswendig gelernten Liedern und Gedichten die zahlreich anwesenden Eltern, Verwandten und Dorfbewohner.