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Schlimmer als der Erste Weltkrieg

Als im Ersten Weltkrieg die letzten Schlachten stattfanden, brach eine Seuche über die Länder. In der Schweiz war die Hälfte der Bevölkerung davon betroffen – auch im Rheintal wütete sie erbarmungslos.
Benjamin Schmid
Erkrankte werden 1918 im Walter-Reed-Militärspital in Washington versorgt. (Bild: Bilder: Wikimedia Commons)
Erkrankte werden 1918 im Walter-Reed-Militärspital in Washington versorgt. (Bild: Bilder: Wikimedia Commons)
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Schlimmer als der Erste Weltkrieg

Die Menschen litten unter Lebensmittelknappheit und Kriegsmüdigkeit. Viele Soldaten bewachten seit Monaten die Grenzen. Just in dieser Zeit drang von Westen her die «Spanische Grippe» in die Schweiz. Woher sie stammt, ist nicht restlos geklärt. Ihren Namen erhielt sie deswegen, weil die ersten Berichter­stattungen über ihren Verlauf in Spanien veröffentlicht wurden. In der Schweiz wurde sie lange Zeit der Öffentlichkeit vorenthalten und als unbedeutend hingestellt. Anfang Juli 1918 wurden die ersten Fälle bekannt. Am 6. Juli 1918 stand im «Wächter am Rhein»: «Das Pressebüro des Armeestabs teilt über das Auftreten der sog. Spanischen Grippe unter den Schweizer Truppen mit: Seit Anfang Juni sind bei verschiedenen Truppenkörpern in allen Teilen des Landes zahlreiche Erkrankungen vorgekommen, von denen bei einigen Einheiten bis zu 50 % des Mannschaftbestandes betroffen wurden. Durchgehend wird diese Krankheit als gutartig geschildert.»

Zahlreiche Massnahmen ergriffen

Von Kompanie zu Kompanie und Bataillon zu Bataillon griff das heimtückische Fieber über und überfiel zugleich auch die Zivilbevölkerung der Truppenstandorte. Die vorhandenen sanitarischen Einrichtungen genügten in keiner Weise, sodass die Armeesanität dem Ansturm der Epidemie ohnmächtig gegenüberstand. Bald erkannte man die Gefährlichkeit der Grippe: «Seit dem letzten Bericht über die Grippe-Epidemie in der Armee haben sich die Erkrankungsfälle stark vermehrt und leider sind auch eine Reihe von Todesfällen vorgekommen.» Bis Ende Juli 1918 gab es 305 Todesfälle in der Armee, was vielerorts dazu führte, Massnahmen zu ergreifen. Sämtliche Rekruten- und Un­teroffiziersschulen wurden geschlossen sowie eine Anzahl Truppenaufgebote widerrufen. Ferner ermächtigte der Bundesrat die Kantonsregierungen und Gemeindebehörden, alle Veranstaltungen zu verbieten, die zur Ansammlung zahlreicher Personen am gleichen Ort oder im gleichen Raum führen könnten, und zwar auch solche im Freien. Der Regierungsrat des Kantons St. Gallen beschloss am 23. Juli, Versammlungen in den Sälen der Vergnügungsetablissements, Theateraufführungen, Konzerte, Kinovorstellungen, Platzkonzerte und Volksfeste aller Art zu verbieten. Ausserdem gab es ein Tanzverbot an der «Kilbi» sowie ein Verbot der Leichenbegleitung, wodurch es unmöglich wurde, einem Abgeschiedenen die letzte Ehre zu erweisen.

Aggressiver Verlauf der Grippe

Eingeschleppt wurde die Seuche Anfang Juli von Solothurner Grenzschutztruppen, begann in Rüthi und Oberriet und trat dann, sich über Altstätten ausbreitend, bald auch in den übrigen Gemeinden auf. Sowohl in Rheineck als auch in Widnau wurde infolge der Grippeerkrankungen die Kilbi abgesagt, die Schulferien verlängert und die Bundesfeier ausfallen gelassen. Weil sich die Seuche weiter ausbreitete, sahen sich weitere Gemeinden veranlasst, die Schulen und Kirchen auf unbestimmte Zeit zu schliessen.

Virologen und Historiker sind sich heute einig, dass das Ursprungsgebiet dieser Influenza-Form im Mittleren Westen der USA zu verorten ist. Von da kommt auch der Begriff des «Knock-me-down Fever». Der Name war Programm. Binnen weniger Stunden riss die Grippe die Menschen von den Beinen und fesselte sie ans Bett. Schlagartig litten die Erkrankten an Schüttelfrost, Müdigkeit und Abgeschlagenheit. Es folgten Kopf-, Glieder- und Rückenschmerzen. Das Fieber stieg bis auf 40 Grad, um nach wenigen Tagen wieder abzufallen. Wer nicht starb, litt oft ein Leben lang unter den Folgen. Vor allem junge Leute, die in der Blüte ihres Lebens standen, wurden von ihr heimgesucht. In der Schweiz war die Sterberate unter den 20- bis 49-Jährigen und unter Männern höher als bei älteren Personen und bei Frauen.

Liste der Toten wurde länger

Ende August hatte die Grippe das Rheintal fest im Griff: «Die Grippe hat namentlich im St. Galler Rheintal und im Oberland einen ausserordentlich bösartigen Charakter angenommen. Besonders schwer heimgesucht sind im Rheintal Marbach und Rebstein; fast jeder Tag bringt in dieser Gegend Todesfälle an Lungenentzündung und dergleichen. Diepoldsau zählte in acht Tagen sechs Todesfälle.» Das kantonale Bulletin meldete für den August zirka 1850 Erkrankungen und 38 Todesfälle in der Zivilbevöl­kerung. Im Unterrheintal fielen der Grippe 91, im Oberrheintal 82 Personen zum Opfer, das heisst, im Unterrheintal kamen 26,4 % aller Todesfälle, im Oberrheintal 19,8 % aller Todesfälle auf das Konto der Grippe.

Im September schien die Seuche stark zurückzugehen, um Anfang Oktober in einer zweiten Welle folgenschwerer zurückzukehren. Mitverantwortlich für die Rückkehr der Grippe war sicherlich der Landesstreik. Es kam zu grossen Volksversammlungen und Demonstrationen. Fast täglich kamen Meldungen über Neuansteckungen und Todesfälle. Davon betroffen waren sämtliche Rheintaler Gemeinden. Im Physikatsbericht für Ober- und Unterrheintal des Jahres 1918 stand: «Infektionskrankheiten wurden 7268 angemeldet, auf die Grippe fallen 7224 Fälle. Die tatsächlich vorgekommenen Grippefälle dürften aber das Doppelte der angeführten Zahl erreicht haben. Die zur Bekämpfung der Grippe unternommenen Massnahmen erwiesen sich als ziemlich wirkungslos, sie kamen zum Teil zu spät, waren nicht einheitlich durchgeführt und vielerorts den Behörden überlassen, die es mit einer Publikation in der Zeitung als erledigt erachteten.» Im ganzen Kanton wurden von Beginn der Epidemie bis Ende Januar 1919 66450 Erkrankungen registriert, wovon 1100 Personen starben. Schweizweit geht man von bis zu 25000 Todesfällen aus. Wissenschaftler sprechen von 50 Millionen Todesopfern weltweit. Das sind Grössenordnungen, die nur mit der Pest vergleichbar sind, die einst im Mittelalter ganz Europa entvölkerte.

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