Schildbürgerstreich war doch keiner

Der Verzicht auf Fussgängerstreifen im Widnauer Zentrum gibt schon zu reden, bevor die Neugestaltung der Bahnhofstrasse beendet ist. In Köniz war es ähnlich. Und wie ist es dort heute?

Gert Bruderer
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Was Köniz schon länger kennt, gilt künftig auch in Widnau: ein ausgeprägtes Miteinander im Strassenraum. Möchten Fussgänger die Strasse überqueren, suchen sie nicht den Fussgängerstreifen, sondern den Kontakt mit dem Autofahrer. (Bild: Andreas Bernhardsgrütter)

Was Köniz schon länger kennt, gilt künftig auch in Widnau: ein ausgeprägtes Miteinander im Strassenraum. Möchten Fussgänger die Strasse überqueren, suchen sie nicht den Fussgängerstreifen, sondern den Kontakt mit dem Autofahrer. (Bild: Andreas Bernhardsgrütter)

WIDNAU/KÖNIZ. In der «Berner Zeitung» war am 23. März 2005 von einem «Krieg auf der Strasse» im bernischen Köniz die Rede. Unzufriedene wetterten in Leserbriefen gegen eine teils neu gestaltete Strasse im Zentrum. Vor allem die Entfernung der Fussgängerstreifen wurde scharf kritisiert.

Auch in Widnau herrscht derzeit teilweise Unverständnis. Beschrieben ist dies in dem Beitrag «Die Bahnhofstrasse will ein Miteinander» (publiziert am 9. Oktober). Hinter vorgehaltener Hand tönt es teils noch deutlich unzufriedener, als die Äusserungen in der Zeitung es vermuten liessen.

Aufeinander achten

Wenn auch die Situation in Widnau mit jener in Köniz nicht 1:1 vergleichbar ist, so ist doch das hier wie dort geltende Grundprinzip identisch. Alle Verkehrsteilnehmer sollen aufeinander achten, die Fussgänger jederzeit und überall die Strasse überqueren können, sozusagen in stiller «Absprache» mit den anderen Benützern der Strasse.

Zuerst negativ eingestellt

Diese neue Art der Strassenraumgestaltung kennt der Kanton Bern schon länger, weshalb denn auch von einem Berner Modell die Rede ist. Von einem «Schildbürgerstreich» sprach in Köniz vor acht Jahren Jan Remund, der dem Gemeindeparlament angehört.

Der ebenfalls negativ eingestellte Lehrer und Heilpädagoge Martin Graber erwartete angesichts der neuen Strassenraumgestaltung «im Minimum» Tempo 30, der damalige Präsident der einstigen SFV-Sektion Bern, Peter Baumann, sprach von einem «Krieg auf der Strasse».

Auch Katharina Minnig, deren Familie im Transportwesen tätig ist, hatte an der neuen Strassenraumgestaltung ohne Fussgängerstreifen keine Freude, denn Autofahrer wie Fussgänger seien verwirrt, meinte sie 2005 in der «Berner Zeitung».

Miteinander oder Regeln

Tempo 30 gilt auf dem besagten Strassenabschnitt inzwischen tatsächlich. Peter Baumann, der heute die IG Berner Fahrlehrer präsidiert, findet die Neuerung aber nach wie vor unbefriedigend. Zwar begrüsst er durchaus die Idee, das Miteinander auf der Strasse zu fördern, aber ein solches Miteinander setze den möglichst weitgehenden Verzicht auf Regeln voraus. In der Schweiz, wo alles bis ins Detail geregelt sei, plädiere er dafür, nach diesen Regeln zu verfahren und sie durchzusetzen – und nicht verschiedenartige Strassenräume zu konzipieren, die den Verkehrsteilnehmer ebenso wie den Fussgänger verwirrten.

«Erfolgsgeschichte»

Im Gespräch mit anderen ehemaligen Kritikern ist ein erstaunlicher Wandel feststellbar. Katharina Minnig sagt heute: Der Strassenraum ohne Fussgängerstreifen habe sich «sehr bewährt». Die Fussgänger seien beim Überqueren der Strasse freier, der Verkehr sei flüssiger geworden. Tempo 30 sei ideal. Martin Graber hat heute ebenfalls keine Beanstandung mehr. Im Gegenteil spricht er von einer «Erfolgsgeschichte». Wer zu Fuss die Strasse überqueren wolle, suche den Augenkontakt mit dem Autofahrer – es «funktioniert wunderbar». Obschon die Zahl der Autos zugenommen habe, gebe es weniger Stau.

Vorschnell kritisiert

Jan Remund, der in seinem 2005 erschienen Leserbrief das Wort Schildbürgerstreich verwendet hatte, räumt heute selbstkritisch ein: «Ich bin etwas voreilig gewesen.» Tatsächlich habe die Erfahrung mit dem neu gestalteten Strassenraum seine Befürchtungen nicht bestätigt. Es habe sich gezeigt, dass die Leute «gut aufeinander achten». Interessanterweise habe sich sogar die tatsächlich vorhandene Unsicherheit als Vorteil erwiesen, denn man passe so noch besser auf den andern auf. Auch Remund sagt, der Verkehr sei weniger zäh als früher.

Allerdings: «Überall würde ich einen Strassenraum nicht so gestalten wie bei uns in Köniz», meint Remund. Die Zahl der Leute, die für eine Überquerung der Strasse in Frage kämen, dürfe nicht zu klein sein. Denn den Autofahrern müsse klar sein, dass jederzeit mit einem Fussgänger zu rechnen ist. Ein zu wenig bevölkertes Zentrum «wäre nicht gut». Der Autofahrer dürfe sich nämlich nicht unbewusst zu der Einschätzung verleitet sehen: «Hier will sowieso niemand hinüber.»