Schein und Sein

Arterhaltung ist ein Grundpfeiler des Lebens. Das gilt nicht nur bei Pflanzen, Tieren. Ob man das als animalisch oder mit noch deftigeren Ausdrücken belegt, auch im Bauplan der «Krone der Schöpfung» hat die Arterhaltung viel Platz bekommen.

Urs Stieger
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Arterhaltung ist ein Grundpfeiler des Lebens. Das gilt nicht nur bei Pflanzen, Tieren. Ob man das als animalisch oder mit noch deftigeren Ausdrücken belegt, auch im Bauplan der «Krone der Schöpfung» hat die Arterhaltung viel Platz bekommen.

Man kann sich ja füglich fragen, warum zum Beispiel ein «Güggeler», ein Hahn, so daher kommt! Was die Natur und bei domestiziertem Geflügel Züchter diesem Vogel appliziert haben! Nicht nur die phantastischen Farben, die Form von Schwanz oder Kamm, der gestelzte Gang, der ganze Dünkel. Irgendwie erinnert mich das immer wieder an Männchen der Spezies Mensch, schmunzle oder lache darüber. Oder nerve mich. Da wir Männer leider keine solchen Federn haben und mit fremden scheitern wie Ikarus, hat die Konsumgüterindustrie jede Menge Ersatzstoffe entwickelt, vom Ferrari für alternde Gecken bis zum Sommerhut für Glatzenträger (siehe Bild oben).

Schlitzohrigkeit kennt die Natur aber nicht. Die Botschaft heisst immer: Hallo, da bin ich! Um diese Botschaft zu verbreiten, ist sprichwörtlich jedes Mittel recht.

Schon lange blühen im Garten Hortensien. Diese gibt es in vielen Sorten, Arten, Kreuzungen. Bauernhortensien mit den grossen Blütenkugeln reagieren je nach Boden. Sie werden rosa oder blau. Dem Blau kann man nachhelfen mit Aluminiumsalzen, das dem Dünger beigemischt wird.

Samthortensien oder Tellerhortensien machen keine Kugeln, sondern tellerförmige Blütenstände. Insekten würden die ganz kleinen Blüten nicht so beachten. Die Pflanze aber weiss sich zu helfen. Aussenherum ist Show, die weissen Blüten sind nämlich «baare Bschess», wie man im Rheintal sagt. Oder eben neudeutsch Fakes. Sie leuchten sogar ultraviolett, bieten den Insekten aber rein gar nichts. Biene und Co. sehen UV–Strahlung, die Blüten wirken wie das Riesenrad an der Olma, rundherum beleuchtet. Auch das sieht man weit!

Scheinblüten gibt es massenhaft, auch die eigentlichen Blütenblätter von Pflanzen haben ja nur die Funktion der Leuchtreklame. Das wirklich Wichtige für den Arterhalt ist vielfach klein bis gar nicht sichtbar. Der gemeine Schneeball ähnelt der Tellerhortensie, dem Blütenhartriegel, der Drillingsblume (Bougainvillea), der Wolfsmilch, dem Weihnachtsstern, dem Magritli und so weiter. Ja, sogar die Nationalblume Edelweiss macht's. Dem Mythos tut's keinen Abbruch, der Arterhaltung auch nicht, im Gegenteil. Würde das Rezept nicht stimmen, gäbe es all die Scheinblütlerschönheiten nicht mehr.

Um zur Krone der Schöpfung zurückzukommen: Der Ferrari, der Sommerhut, der tonnenschwere Chronometer am Armgelenk und mehr – alles Fakes? Oder fremde Federn?

Das Buch «Hädöpfl und Mäzeschtärn», gesammelte Kolumnen aus «Der Rheintaler» und «Rheintalischen Volkszeitung», ist im blabla-verlag.ch erschienen.