Saftwurzel aus dem Bernerland

2016 hat er bei «The Voice of Germany» den dritten Platz erobert, am letzten Samstag im Jung Rhy die Herzen der Zuhörer: Marc Amacher aus dem Berner Oberland hat sie alle mit dem Blues-Virus angesteckt.

Thomas Widmer
Merken
Drucken
Teilen
Marc Amacher fesselte die Zuhörer im Jung Rhy. (Bild: Thomas Widmer)

Marc Amacher fesselte die Zuhörer im Jung Rhy. (Bild: Thomas Widmer)

Die Batterie, die diesen Mann antreibt, muss erst noch erfunden werden. So wie er sich reinhängt, müsste er gertenschlank sein. Doch sein fülliger Körperbau scheint für den Blues wie geschaffen. Er gibt der voluminös-verruchten Stimme Resonanz, die Bauchwölbung bringt die Gitarre in den richtigen Winkel für scharfe Riffs und wollüstig inszenierte Soli – prägnant genug, dass man sich gerne noch etwas länger von dieser Euphorie hätte mittragen lassen. «Ha guet gässe, s’Hömli spannt nochli.»

Und schon donnert Jimi Hendrix’ «Voodoo Child» los. Ohne Beflissenheit, den Gitarrengott der 70er-Jahre werktreu kopieren zu wollen, dafür mit umso mehr Inbrunst und eigener Handschrift. Auf Augenhöhe eben. Marc Amacher agiert wie ein allürenfreier Star: Selbstbewusst und unbekümmert reisst er das Publikum mit. Praktisch pausenlos, von Stück zu Stück. «Er hat keine Setliste», verrät sein Manager, «seine Mitmusiker müssen innert Sekunden checken, welchen Song er anreisst.» Eine spannende Mischung aus Blues-, Rock-, Funk- und Boogie-Klassikern sowie Eigenkompositionen aus dem Album «8 Days», das diesen Frühling in acht intensiven Tagen entstand.

«Ich hol mir das Ding selber»

«Mein Vater war Heizer bei der Brienz-Rothorn-Bahn»: Selbst wenn’s ein Mythos wäre, man glaubt es der Saftwurzel aus dem Berner Oberland gern. Sein «Crossroads»-Boogie transformiert Alltagsgeräusche wie Maschinen, Motoren und Tierstimmen in ekstatisch-stampfenden Rhythmus. «Ghöret eer no öppis?», fragt Amacher spitzbübisch, und intoniert «Whole Lotta Love» von Led Zeppelin, wieder ganz auf seine Art, fadengrad und das psychedelische Klangabenteuer der LP-Version ignorierend.

Dafür ersteht ein Ritual aus der Rockszene des letzten Jahrhunderts: Er schmeisst die Gitarre auf den Boden, slidet mit den Schuhen apokalyptische Schlussakkorde und tritt dann drauf, bis sich der Hals nach oben biegt. Der besorgte Hobby-Gitarrist fragt sich, ob das Instrument zu retten ist. Aber Marc Amacher hat sechs weitere Instrumente in einem grossen Kasten, die er je nach Stück genussvoll rausfischt – wie ein Jäger, der die Flinte fürs passende Wild sucht. «Ich brauche keinen Roadie, der mit das Instrument pfannenfertig auf die Bühne bringt», grummelt er. «Ich stimme selber, flicke selber und hol mir das Ding selber.»

Mit Glücksgefühl und Ohrensausen

Die Schnörkellosigkeit Amachers gilt auch für seine Mitmusiker. Da ist ein Bassist, der dem Sound einen soliden Boden gibt, und ein Schlagzeuger, der auf eine Grossküche pfeift und wohl darum einen transparenten Groove bringt. Und das Publikum? Es ist durchmischt, Schwerpunkt «Mittelalter» bis Pensionär. Für Toupetträger ist der Aufenthalt in der Nähe der Lautsprechertürme nicht empfehlenswert. Sie hätten dem Teil quer durch den Kulturraum des Jung Rhy hinterherhetzen müssen.

Wenn kurz vor Mitternacht der Applaus nur noch dünn ist, liegt das nicht an mangelnder Begeisterung. Es ist einfach die Kapitulation vor der grenzenlosen Energie des Vollblutmusikers. Nach drei Stunden bleiben gute Gefühle, Adrenalin und ein Pelz auf den Trommelfellen. Marc Amacher ist unüberhörbar.