Roman über bewegtes Leben

Coralie Frei lebt seit zwei Jahrzehnten in Oberegg. Ihren Werdegang hat die auf den Komoren geborene Autorin in einer Autobiographie niedergeschrieben.

Rolf Rechsteiner
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OBEREGG. Catidja Amal, in die islamische Welt der Komoren geboren, ist sie das erste Mädchen ihrer Kleinstadt, das in Frankreich studieren darf. Erst mit der Zeit merkt sie, dass ihre dunkle Haut karrierefeindlich ist.

Ihre Mutter hat sich für ihr Hochzeitsfest ruiniert. Catidja wurde im Mädchenalter mit einem Mann verlobt, der mehr als doppelt so alt war als sie. Der Vater lässt zu, dass die Hochzeit stattfindet. Catidja sitzt einen Monat lang in stillen Gemächern, während die halbe Insel der Brautmutter die Aufwartung macht. Inzwischen haben der Vater und der Onkel ihre Flucht in die Wege geleitet. Sie soll in Frankreich studieren, ein besseres Leben haben und letztlich Geld nach Hause schicken, denn die Kinder sind die einzige Altersvorsorge für die Eltern.

Kalt erwischt und durchgesetzt

Am Morgen nach der letzten Zeremonie fliegt sie ab – ohne die Absicht, wiederzukommen, obwohl sie schwanger ist. Über Paris gelangt sie nach Toulouse, wo die Uni für ihre Studenten sorgt. Wie sehr sich die Welt von dem unterscheidet, was sie bisher kannte, schildert sie eindrücklich. Sie tritt ihr Studium an und bringt ihren Sohn zur Welt. Mit einem Offizier der französischen Armee geht sie eine zweite Ehe ein. Er bringt zwei Töchter ein, ihnen werden zwei weitere Söhne geschenkt. Ab 1983 lässt sie sich zur Krankenschwester ausbilden. Immer wieder muss sie einstecken, denn die «Negresse» (Negerin – «wie sehr ich dieses Wort hasse!») wird nicht vorbehaltlos akzeptiert.

Das Salär ihres Gatten und ihr eigenes Einkommen machen es ihr möglich, in Albi ein eigenes Haus zu bauen. Doch ihre Ehe gerät in Schieflage, als das Familienoberhaupt erklärt, nach seiner Pensionierung auf die Komoren zurückkehren zu wollen. Das will sie absolut nicht.

Aus Ferienflirt wird grosse Liebe

In dieser kritischen Phase begegnet sie in Tunesien einem Schweizer. Der Ferienflirt wird zur grossen Liebe. Catidja löst sich aus allen Familienbanden. Mit dem Jüngsten verlässt sie 1994 Frankreich und zieht in die Schweiz. Die Ziviltrauung macht es ihr möglich, zu bleiben. Aus ihr wird Coralie Frei, die zusammen mit Albert seit nunmehr zwei Jahrzehnten in Oberegg lebt. Vor kurzem haben die beiden ihre Traumhochzeit nach katholischem Ritus nachgeholt – das halbe Dorf war eingeladen.

Aus ihrem Erfahrungsschatz zieht sie eine überraschende Bilanz: «Hier ist vieles nicht anders als auf den Komoren. Die Sonne scheint und das Wasser lässt nicht lange auf sich warten. Man lebt von landwirtschaftlichen Produkten. Kinder grüssen die Erwachsenen mit Respekt und gehen im Sommer barfuss auf den Strassen. Man lobt Gott für das tägliche Brot und ist zufrieden mit dem, was man hat, weil man schwer dafür arbeitet. Wie in meiner Kindheit.»