Riesen und Bäbelis

Garten

Urs Stieger
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Wenn man Speisekarten durchackert, tönt vieles so niedlich wie in der Puppenstube: Kür­bissüppchen, Böhnchen, Baby­leaf, Minikarotten usw. Nur beim Fleisch (und der Pizza) muss es möglichst über den Tellerrand gehen, sonst hat man nichts fürs Geld.

Vielleicht haben Sie auch schon mitten im Winter zum Beispiel kenianische Böhnchen gesehen, kaum 5 cm lang, natürlich eingeflogen und zu astronomischen Preisen angeboten. Oder kleine Frühkartoffeln aus Süd­afrika, als Beilage zum weihnächtlichen Raclette, derweil die Kühlhäuser bei uns Hunderttausende von Tonnen lagern.

Möglichst gross ist in den Gärten und auf den Äckern jetzt angesagt, wenn die Kürbisse reifen. Diese Riesendinger, die schliesslich doch nur vor allem aus Wasser bestehen, beflügeln die Fantasie von Gärtnern. Viele Gärtner mutieren zu Gemüsesportlern: Mehr als 1000 kg ist der Rekord! Für Kürbisse, nicht für die Sportler. Ich muss das irgendwie verstehen, wenn ich in unserem Garten die verschiedenen Kürbisse, Zucchetti und andere, unbekannte Sorten wuchern sehe. Natürlich habe ich nicht überlegt im März, dass ein einziger Same gut 100 kg Gemüse auf die Teller bringen wird. Nach dem zehnten gratinierten Kürbisteller ist man satt für das ganze Jahr, hat aber noch Massen dieser Leiber im Garten liegen und hängen. Das ist Überfluss!

Dabei habe ich nicht einmal alle gesät. Vom letzten Jahr sind Kürbisse gewachsen, bei denen ich noch nicht weiss, was für Sorten das sind. Kürbisse haben «Wiibli»- und «Männli»-Blüten. Die «Männli» sind am Anfang ziemlich solo, erst später entwickeln sich weibliche Blüten. Es sind die Grössten im ganzen Garten. Nicht mal die riesigen meiner Cattleya-Orchideen bringen es auf diese Suppentellerblüten. Das Draufgängertum ist von kurzer Dauer, um 10 Uhr sind sie schon befruchtet und verschrumpfen. Das Suchen nach neu gebildeten Kürbissen ist ein Spiel, das man immer gewinnt, da die Pflanzen nimmermüde ihre Panzerbeeren bilden. – Kürbisse stammen aus Amerika und sind wirklich geniale Pflanzen. Ursprünglich wurden von den Wildformen die Samen benutzt, da die Wände hart werden und die Pflanzen wenig Fleisch bilden. Diese Kürbisse haben perfekte Verpackungen für die Samen gemacht, die Jahre überdauern und sogar schwimmen. Der weite Weg der Züchtungen hat bei vielen Sorten die Samen ganz verdrängt oder, wie bei den Kürbissen, aus denen das delikate Kürbiskernöl gepresst wird, sogar die Samenhüllen weggezüchtet, die Samen müssen nicht geschält werden.

Der «lange Neapolitaner» im Garten wird fast einen Meter lang und 10 bis 30 kg schwer, eine Pflanze bringt etwa sieben bis zehn Kürbisse. In einem Zwei- Personen-Haushalt macht das bei 500-Gramm-Portionen …

Rechne!

Urs Stieger

Berneck

Das Buch «Hädöpfl und Mäze­schtärn», gesammelte Kolumnen aus dem «Rheintaler» und der «Rheintalischen Volkszeitung» ist im blabla-verlag.ch erschienen.