RHEINTAL: Sieben Gynäkologen für 35'267 Frauen

Für eine Frau wird es im Rheintal immer schwieriger eine Frauenärztin oder einen Frauenarzt zu finden. Frauen müssen zum Teil mehrere Monate auf einen Termin zur Vorsorgeuntersuchung warten. Einige Praxen nehmen sogar keine neuen Patientinnen mehr auf.

Susi Miara
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Im Rheintal gibt es zwei Gynäkologen und fünf Gynäkologinnen, die in fünf Praxen die Frauen betreuen. (Bild: depositphotos/Dmytro_Z)

Im Rheintal gibt es zwei Gynäkologen und fünf Gynäkologinnen, die in fünf Praxen die Frauen betreuen. (Bild: depositphotos/Dmytro_Z)

Susi Miara

Sind sieben praktizierende Gynäkologinnen und Gynäkologen für das Rheintal zu wenig? Diese Frage muss eindeutig mit Ja beantwortet werden. Auf einen Arzt kommen im Rheintal nämlich 5038 Frauen. Im Kanton St. Gallen sind 85 Gynäkologinnen und Gynäkologen für 250993 Frauen verantwortlich. Das macht pro Arzt 2952 Frauen.

Damit sich nicht zu viele Spezialärzte in der Schweiz niederlassen, hat auch der Kanton St. Gallen einen Zulassungsstopp erlassen. «Dieser stützt sich auf die Empfehlungen des Bundes», sagt Kantonsärztin Danuta Rein- holz. Der Kanton kann einzelnen Ärzten die Bewilligung verweigern, sofern sie nicht mindestens drei Jahre lang in der Schweiz gearbeitet haben. So empfiehlt der Bund bei Gynäkologen 12,8 Ärzte pro 100000 Einwohner. Für den Kanton St. Gallen wären das 62 Ärzte. «Bei uns sind aber 85 Gynäkologen registriert, die meisten in grösseren Städten», sagt Danuta Reinholz.

Fachärzte ungleich verteilt in Stadt und Land

Was in Städten zu viel ist, fehlt im Rheintal. Für die 35267 Frauen wären neun Ärzte nötig. «Wir haben sowohl einen Ärztemangel», sagt die Kantonsärztin, «als auch die Tatsache, dass es für junge Ärzte weniger spannend ist, in ländliche Gebiete zu ziehen.» So sei auch das Rheintal für viele Mediziner zu wenig attraktiv.

In der Praxis «Ärzte am Markt» arbeiten zwei Gynäkologinnen. «Wir haben noch keinen Aufnahmestopp», sagt der kaufmännische Praxisleiter Konstantin Sarikos. Aufgrund der begrenzten Kapazität sei die Praxis aber darauf angewiesen, die ärztlichen Ressourcen individuell zu planen, um den Qualitätsstandard zu wahren. «Aus unserer Sicht gibt es einen gynäkologischen Grundversorgungsengpass im Rheintal.» Für die Frauen bedeutet dies, dass Termine weit in die Zukunft geplant werden, und im schlimmsten Fall müssen sie damit rechnen, an die umliegenden Spitäler verwiesen zu werden. «Diese Situation ist für vie- le Frauen absolut unbefriedi- gend und frustrierend», weiss Konstantin Sarikos. «Das hat uns zur Planung eines Praxisausbaus bewogen. Nur so können wir den Frauenbedürfnissen und Wünschen weiterhin gerecht werden.» Entstehen soll eine Art Zentrum für die Frau mit allen dazugehörigen Dienstleistun- gen wie gynäkologische Vor- sorgeuntersuchung, Schwangerschaftsbetreuung inklusive Hebammensprechstunde, Kinderwunschberatung, Teenagersprechstunde usw. Das Projekt ist in den Startlöchern, kann aber erst realisiert werden, wenn entsprechende Fachärztinnen und -ärzte rekrutiert werden können. «Das ist leider ein sehr schwieriges Unterfangen und bedarf sehr viel Geduld sowie Hartnäckigkeit», sagt Sarikos. «Wir scheuen diesbezüglich keine Mühen und lassen nichts unversucht, um qualifizierte Fachärztinnen und -ärzte ins Rheintal zu ziehen. Leider verschlägt es viele Ärztinnen und Ärzte in die Grossstädte der Ost- und Zentralschweiz, dies, obwohl das Rheintal eine wunderschöne Arbeits- und Wohnregion ist und sehr viel Lebensqualität zu bieten hat.»

In der Praxis am Rhy von Carmen Sánchez in Kriessern besteht bereits seit Herbst 2016 ein Aufnahmestopp für neue Patientinnen zur Vorsorgeuntersuchung. «Ich arbeite in Teilzeit und meine Sprechstunde ist auf drei Monate im Voraus ausgebucht», sagt die Gynäkologin. Eine längere Wartezeit möchte sie niemandem zumuten. Notfalltermine und Termine zur Schwangerschaftsbetreuung werden jedoch nach Möglichkeit angenommen.

«In Kriessern und Umgebung gibt es eindeutig einen höheren Bedarf an gynäkologischer Betreuung als Ärzte vor Ort», sagt Carmen Sánchez. Die Praxis am Rhy habe das Problem schon lange erkannt und bereits Ende 2016 versucht, Gynäkologen aus den umliegenden Spitälern zu akquirieren. Dies aber leider ohne Erfolg. «Nachdem wir nun An- zeigen im benachbarten Ausland geschaltet haben, können wir mitteilen, dass wir im neuen Jahr eine Verstärkung bekommen werden», sagt Carmen Sánchez.

Längere Wartezeiten für Vorsorgeuntersuchung

In der Praxis Marktstrasse in Heerbrugg teilen sich Irene Nüesch und Vroni Fink ein Pensum von 100 Prozent. «Wir nehmen noch neue Patientinnen an», sagt Irene Nüesch. «Man muss jedoch auch bei uns mit längeren Wartezeiten rechnen.» Irene Nüesch ist überzeugt, dass es im Rheintal eindeutig zu we- nig Gynäkologen hat. «Für mich war es ein Riesenglück, jemanden für die Praxis gefunden zu haben.»

Peter Böhi arbeitet nicht nur in seiner Praxis in Altstätten, sondern auch im Spital Heiden. «Ich gehöre noch zu den Ärzten, die nicht nur Sprechstundentätigkeit ausüben, sondern auch operativ und geburtshilflich tätig sind», sagt Peter Böhi.

Dadurch kann er sich aber nur zu 60 Prozent seinen Patientinnen in der Altstätter Praxis widmen. Auch in seiner Praxis sei es schwierig, kurzfristig einen Termin zu bekommen. Neue Patientinnen müssen bis zu drei Monate auf einen Termin zur Vorsorgeuntersuchung warten. Einzige Möglichkeit, mehr Patientinnen anzunehmen wäre es, abends länger zu arbeiten. Dennoch empfiehlt Böhi den Frauen, sich im Zweifelsfall nach einem Termin zu erkundigen. «Ich habe noch die Möglichkeit, sowohl im Notfall als auch bei der Vorsorge, auf das Spital in Heiden auszuweichen.»