Rheintal
Fechten mit den Fäusten: Im Box Club trainieren die Amateure gegen den Profi

Der Ex-Profiboxer Valeri Quade will wieder in den Ring. Das Sparring beim BC Rheintal war ein erster Test.

Reto Wälter
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Der Rheintaler Trainer Walter Walser beobachtet seinen Schützling Enis Morina im Sparring gegen Valeri Quade, der von Trainer Gerd Drabst (von links) angeleitet wird.

Der Rheintaler Trainer Walter Walser beobachtet seinen Schützling Enis Morina im Sparring gegen Valeri Quade, der von Trainer Gerd Drabst (von links) angeleitet wird.

Bild: Reto Wälter

Es ist schwül und das Thermometer zeigt an diesem Morgen schon fast 30 Grad. Das ändert sich auch nicht beim Abstieg in die Katakomben des Box Club Rheintal an der Bahnhofstrasse 8 in Au. Neben dem Boxring steht ein Mann vor dem Spiegel, schlägt konzentriert Kombinationen. Aus der Umkleidekabine kommt Walter Walser, Gründer und Trainer des BC. Er hat zu sechs Runden Sparring eingeladen.

Zwei seiner Schützlinge, die im Amateurbereich boxen, sollen Valeri Quade, einen russischstämmigen Deutschen, im Sparring fordern. Der 51-Jährige mit drei Profikämpfen und über 180 Amateurkämpfen (zweimal Bronze an der Deutschen Meisterschaft) will es nochmals wissen und Ende Juli einen Aufbaukampf bestreiten, um später allenfalls einen Profititel bei einem kleinen Verband anzuvisieren.

Keine Vaseline – und prompt spritzt das Blut

Der Weltboxverband Aiba lässt heutzutage erfahrene Boxer bis zu einem Alter von 60 Jahren kämpfen, sofern sie die vorgeschriebenen medizinischen Tests erfolgreich absolvieren. «Wir haben einen Monat Aufbautraining hinter uns. Valeri ist fit, aber ich will sehen, wie er sich im Sparring hält. Läuft das heute nicht zufriedenstellend, macht es keinen Sinn, die medizinischen Untersuchungen zu machen», sagt Quades Trainer Gerd Drabst.

«Auch ich will wissen, ob ich nochmals etwas reissen kann. Fit dafür fühle ich mich», sagt Valeri Quade. Dann geht die Suche nach Vaseline los. Niemand hat dabei. «Das ist schlecht», sagt Trainer Drabst. Die fettige Salbe ins Gesicht geschmiert, hilft, unnötige Cuts zu vermeiden, also Risse, wenn der Lederhandschuh über die Haut schabt.

Dann geht es los, halt ohne Vaseline. Der Boxer des BC Rheintal, Mauro Frappietro, steht kompakt, schützt sich gut. Quade tänzelt, schlägt und versucht, Lücken in Frappietros Deckung zu finden. Dieser lässt sich aber nicht zurückdrängen, schlägt zurück, setzt seine Kombinationen.

Die beiden etwa 1,85m grossen Boxer schenken sich nichts, sind aber vorsichtig. Im Cruisergewicht bis 91 Kilo kann auch im Sparring ein Treffer verheerende Folgen haben. In Runde zwei wird Frappietro mutiger, geht vorwärts, dreht auf. Quade hält souverän dagegen, zieht kurz vor Ablauf der drei Minuten mit einem rechten Haken durch: Blut spritzt, Frappietro hat einen Cut.

Boxer will auch nach dem Cut nicht aufhören

Walter Walser, der den Ringrichter macht, bricht ab: «Das war’s.» Der Riss auf Höhe der Augenbraue des BCR-Boxers wird mit fixierenden Pflaster zugeklebt. Frappietro will weitermachen: «Ist ja für dich, mir macht das nichts.» – «Das bringt nichts, ist nur ein Training», sagt Valeri Quade, der schon Sekunden nach dem Unterbruch normal atmet und noch nicht einmal gross schwitzt. Trainer Drabst ist beeindruckt von Walter Walsers Schützling, gratuliert ihm zur Leistung.

Dann kommt Enis Morina, ein erfolgversprechender Junior, der wegen der Lehrabschlussprüfung pausierte und erst kürzlich wieder anfing zu trainieren. Das merkt man: Er boxt technisch sauber, ist aber schnell ausser Atem. Später sagt der St.Margrether: «Ich bin im Moment zwar im Cruisergewicht am richtigen Ort, aber eigentlich ist Halbschwer (79kg) mein Gewicht.» Walter Walser bricht nach der zweiten Runde ab, Morina ist ausgepowert.

«Wir machen die medizinischen Checks.»

«Was ich gesehen habe, reicht mir. Wir machen die medizinischen Checks», sagt Quades Trainer Gerd Drabst. Geplant sind weitere Sparrings im Auer Boxkeller, zumal dort noch weitere Boxer das Niveau haben, mithalten zu können. Walter Walser sagt: «Man sieht, dass Quade viel Erfahrung hat und ein souveräner Boxer ist. Aber es fehlt noch viel, um wieder Ringniveau zu erreichen – vor allem Schnelligkeit.»

Punkten mit schnellen Treffern macht das Amateurboxen aus. Bei den Profis wird weniger geschlagen, aber härter. Es wird der Treffer gesucht, der Wirkung zeigt. Der Unterschied war in diesem Sparring offensichtlich. Valeri Quade stand sehr kompakt, bewegte sich gut, schützte seinen Kopf aber kaum, auf der Suche nach der Lücke. Die Amateure hielten ihren Kopf hinter den Handschuhen, arbeiteten beständig mit ihrer Führhand und schlugen immer wieder Kombinationen – versuchten so durchzukommen.

«Für mich ist Boxen Fechten mit den Fäusten. Ein sportliches Spiel, in dem man zeigt, was man technisch und taktisch drauf hat. So definierten die alten Engländer einst das Boxen», sagt Walter Walser, der sich stets wie ein Gentleman der alten Schule verhält. Heute repräsentiere dies das Amateurboxen. «Deswegen arbeite ich hier und nicht bei den Profis.»