RHEINTAL: Der Storchenvater tritt kürzer

Reto Zingg hat das Präsidium des Vereins Rheintaler Storch abgegeben – nach 27 Jahren. Er stand dem Verein seit der Gründung im Jahr 1990 vor. Heuer wird Zingg 75. «Zeit, loszulassen», meint er. Aufgeben wird er den Natur- und Storchenschutz gleichwohl nicht.

Max Tinner
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Max Tinner

Wenn man heute einen Spaziergang durchs Riet macht und dort Störche zu sehen bekommt, so ist dies besonders Reto Zingg zu verdanken. Er war die treibende Kraft hinter der Wiederansiedlung dieser Vögel im Rheintal und auch bei der Gründung des Vereins Rheintaler Storchenhof, des heutigen Vereins Rheintaler Storch, im Spätherbst 1990.

«Die Rheintaler verdienen den Storch»

Der Toggenburger mit verwandtschaftlichen Beziehungen ins Rheintal hat hier schon als Kind seine Ferien verbracht. Das Rheintal sei seine zweite Heimat, sagt er. Weil ihm die Natur schon als Jugendlichem am Herzen lag, erkannte er, wie hier immer mehr Naturwerte verloren zu gehen drohten. Zu jener Zeit sei man als Naturschützer noch eher angefeindet als unterstützt worden, erzählt Zingg. Doch er sah auch, wie ein Umdenken einsetzte, was sich etwa in der Gründung des Vereins Pro Riet Rheintal gezeigt habe. «Jetzt verdienen die Rheintaler auch den Weissstorch», habe er sich da gesagt.

Einst war das Rheintal Storchenland. Seit den frühen 1920er- Jahren hatte aber kein Storch mehr hier gebrütet. Aber Reto Zingg glaubte an den Erfolg einer Wiederansiedlung. Und er konnte Leute in Schlüsselpositionen bei Gemeinden, Ortsgemeinden, Regionalplanung und Melioration ebenfalls davon überzeugen. Es kam zur Vereinsgründung.

Von der Storchensiedlung im solothurnischen Altreu bekam der Verein zehn domestizierte Störche. Gehalten wurden sie auf dem von der Familie Thurnheer bewirtschafteten Hof der Ortsgemeinde Berneck im Bernecker Riet bei Kriessern (der so zum Storchenhof wurde). Die Vögel dienten nicht dem Aufbau einer Zucht, sondern sollten übers Rheintal ziehende Wildstörche anlocken. Das glückte sogar recht bald. Und im Frühling 1994 brütete dann in der Nähe des Moosangers erstmals nach langer Zeit wieder ein wildes Storchenpaar im Rheintal. Dennoch dauerte es noch gut zehn weitere Jahre, bis sich der Storch tatsächlich wieder im Rheintal heimisch zu fühlen schien und die Population sichtbar zu wachsen begann.

Dabei geholfen haben Plattformen auf Masten und auf Bäumen, die den Störchen als Horstunterlagen dienen. Ausserdem hat man Freileitungen durchs Riet in den Boden verlegt. Stromleitungen stellen für die Störche nämlich eine ernsthafte Gefahr dar. Stehengebliebene Leitungen hat man mit speziellen Reflektoren behängt, damit die Störche die Gefahr erkennen. Entscheidend für die Wiederansiedlung des Storchs aber war, die Landschaft wieder storchenfreundlicher zu machen, was bedeutete, trocken gelegte oder trockengefallene Feuchtgebiete wieder- herzustellen und die verarmte Feldflurstruktur wieder zu bereichern. Ausserdem begann man Bäche zu renaturieren und Entwässerungsgräben zu naturieren.

Der Erfolg dieser Massnahmen spiegelt sich in den Zählungen von diesem Frühling: 94 Brutpaare mit 157 Jungvögeln hat man übers ganze Alpenrheintal zwischen Bodensee und der Wartau (beidseits des Rheins) gezählt. So viele wie noch nie seit der Wiederansiedlung! Irgendwann werde der Lebensraum voll sein, sagt Reto Zingg. Er ist aber der Ansicht, dass es im Alpenrheintal noch Platz für weitere Störche hat. Vor allem im Werdenberg sieht er noch Potenzial.

Einsatz für den Storch von Marokko bis Weissrussland

Dem Naturschutz und dem Storchenschutz im Besonderen widmete sich Reto Zingg während Jahrzehnten in seiner Freizeit. Erst nach seiner Pensionierung als Sekundarlehrer machte er den Naturschutz zu seinem Beruf und gründete ein Büro für Ökoberatung. An der diesjährigen Hauptversammlung des Vereins Rheintaler Storch hat er nun das Präsidium Beni Heeb, dem früheren Präsidenten der Oberrieter Naturschutzkommission, übergeben. Altershalber. Schliesslich wird Zingg schon 75. «Irgendwann muss man loslassen», meint er, fügt aber nahtlos hinzu, dass er «ja noch so viele andere Aufgaben» habe. Die Leitung der Schweizerischen Stiftung für Vogelschutzgebiete etwa, die auch im Rheintal zahlreiche Projekte realisiert hat, oft zusammen mit dem Verein Pro Riet Rheintal und dem Verein Rheintaler Storch.

Wenige Tage nach unserem Treffen im Bannriet ist Reto Zingg nach Ungarn gereist, ebenfalls der Störche wegen. Zingg ist nämlich auch noch Koordinator des Projekts Ciconia, das sich von Weissrussland bis Marokko länderübergreifend für die Störche einsetzt. Ciconia ist als liechtensteinische Stiftung aufgrund von Zinggs Erfolg mit dem Verein Rheintaler Storch gegründet worden. Als sie vor fünf Jahren mit dem Binding-Preis ausgezeichnet wurde, bezeichnete man Zingg als «Motor» sowohl Ciconias als auch des Vereins Rheintaler Storch. Auch wenn er nun ein wenig kürzer tritt: Reto Zingg wird wohl sein Lebtag nicht damit aufhören, dem Storch zu helfen.

www.rheintalerstorch.chwww.ciconia.liwww.ssvg.ch