RHEINTAL: Der lange Weg zum stolzen Christbaum

Seit 1605 gehört der Christbaum zum Weihnachtsfest. Von der Plantage bis ins Wohnzimmer hinein ist es jedoch ein langer Weg. Ein Besuch auf dem Asthof in Berg.

Urs Oskar Keller
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Der Thurgauer Christbaumbauer und Landwirt Beat Kressibucher aus Ast bei Berg züchtet seit seiner Kindheit Weihnachtsbäume. (Bild: Urs Oskar Keller)

Der Thurgauer Christbaumbauer und Landwirt Beat Kressibucher aus Ast bei Berg züchtet seit seiner Kindheit Weihnachtsbäume. (Bild: Urs Oskar Keller)

Der Weg zu Kressibuchers Asthof bei Berg ist nicht zu verfehlen. Zehn Kilometer nordöstlich von Weinfelden weisen Schilder von der Hauptstrasse in den Weiler Ast hin. Tannen über Tannen zieren die Wiesen neben der Strasse, und im Advent steht ein übergrosser Weihnachtsmann vor einer Scheune.

Der Betrieb hat Hochsaison. In den Wochen vor Weihnachten verkauft Beat Kressibucher seine gesamte Jahresproduktion: rund 2500 Bäume. Die Händler – Coop, Landi, eine Gärtnerei – haben die Bäume im Herbst inspiziert. 20 bis 30 Prozent verkauft er so, der Rest geht über den Hof mit grossem Adventsverkauf oder direkt auf den Märkten in Altishausen, Kreuzlingen, Weinfelden und Winterthur an die Endverbraucher. Auf dem Hof begrüsst seine Frau Karin Kressibucher-Senn die Kundinnen und Kunden. Alles riecht dann nach Weihnachten: Glühwein, Zimtsterne und Christbaumschmuck. Neben dem Wohnhaus befindet sich auch Karins Glaskunst-Atelier. Mit 3,5 Hektaren Land gehört Beat Kressibucher aus Ast bei Berg TG zu den mittelgrossen Christbaumzüchtern in der Ostschweiz. Seine Vorfahren waren eine der Ersten, die in der Ostschweiz Weihnachtsbäume – vor allem auch Nordmanntannen – kultivierten.

Schwierige Tannenzucht und Biodiversität

Unsicher und langwierig ist die Zucht der Tannen. Welche Samenlieferung bzw. Setzlinge bringen schöne Bäume, welche widerstandsfähige? Ergebnisse sind erst nach Jahren sichtbar. Auf Kressibuchers eingezäunten Kulturen sind einige Flächen fast leer. Junge Tännchen stehen einsam dort. Engerlinge der Maikäfer haben gewütet. «Schlimm – so etwas sehe ich nicht gerne», sagt Kressibucher. Einmal pro Jahr verteile er ein biologisches Öl, eine «Winteraustriebsspritzung» gegen Ungeziefer, über die Tannen. Aber «alles tot spritzen» will er nicht, im Gegenteil.

Naturschutz liege ihm am Herzen. Deshalb pflanzte er, der Biodiversität wegen, über 100 Nussbäume, und als Windschutz für die Christbaumkulturen auch Birken, Quitten und Äpfel. Zudem hat er auch einige Buntbrachen mit Ackerwildblumen. Seit vielen Jahren setzt Kressibucher in seinen Weihnachtsbaum- und Obstbaumkulturen englische Shropshire-Schafe ein, «seine Rasenmäher», wie er sagt. Die Tiere hätten bewiesen, erzählt Kressibucher, dass sie die Kulturen zuverlässig beweiden, ohne die Triebe der Koniferen zu verbeissen oder die Rinde zu schälen. Der Landwirt kann mit dieser umweltschonenden Unkraut-Bekämpfungsmethode auf den Einsatz von Herbiziden verzichten. Der Dung der Schafe verbesserte auch das Bodenleben, liefere kontinuierlich Nährstoffe und führe so zu gleichmässigem Wuchs und einer verbesserten Nadelfarbe der Bäume.

Weg zum reichen Baumbauer noch weit

Das Angebot an Weihnachtsbäumen ist heuer gross, die Qualität gut. Landi verkauft Nordmanntannen aus Dänemark bereits ab 19.90 Franken. Professionelle Baumbauern können mit solchen Preisen nicht mithalten. Kressibucher wirbt um Verständnis: «Wir müssen unseren Kunden den Unterschied zwischen einem guten und einem qualitativ schlechten Baum erklären, damit sie die Preisdifferenz verstehen.» Er sage seinen Kundinnen und Kunden immer: «Wenn ein Christbaum heute 60 Franken kostet, also so viel wie ein grosser Blumenstrauss, muss man wissen, dass der Baum sechs oder mehr Jahre gewachsen ist. Dabei gilt es über viele, viele Jahre Arbeit: Vogelstäbe zu setzen, mähen, düngen, schneiden», erklärt Kressibucher.

Beat Kressibuchers Unternehmen «Christbaumkulturen» (www.christbaeume.ch) ist eine One-Man-Show. Nur er und seine Frau arbeiten auf dem Hof. Das reine Saison-Geschäft ist dank Hilfskräften und Familienmitgliedern (insgesamt zwölf Personen) überlebensfähig. Als Haupteinkommen rentiert sein Christbaumgeschäft nicht. Kressibucher arbeitet deshalb seit 14 Jahren halbtags als technischer Leiter in einer Klinik in Kreuzlingen. In den arbeitsintensivsten Monaten November und Dezember nimmt er sechs Wochen unbezahlte Ferien. Ohne seine Bäume, Schafe und die Natur drumherum würde Kressibucher vermutlich verkümmern wie ein falsch gezüchteter Weihnachtsbaum.