RHEINECK
Simon Vitzthum, ein Geländefahrer, der auf dem Parkett glänzt

Die Schweiz mit Simon Vitzthum gewinnt in der Mannschaftsverfolgung EM-Silber in Grenchen. Im Omnium wurde er Dreizehnter.

Yvees Solenthaler, Grenchen
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Silber: Claudio Imhof, Simon Vitzthum, Valère Thiébaud und Alex Vogel (von links) gewinnen die erste Medaille für die Schweiz an der Bahn-EM in Grenchen. Der Rheinecker Vitzthum gehörte schon zum Vierer, der vor einem Jahr EM-Bronze gewann.

Silber: Claudio Imhof, Simon Vitzthum, Valère Thiébaud und Alex Vogel (von links) gewinnen die erste Medaille für die Schweiz an der Bahn-EM in Grenchen. Der Rheinecker Vitzthum gehörte schon zum Vierer, der vor einem Jahr EM-Bronze gewann.

«Als ich hier ankam, hatte ich nicht gedacht, dass wir den Final erreichen», sagt Simon Vitzthum. Um seinen Hals hängt die Silbermedaille. «Es wäre noch schöner gewesen, Gold heimzunehmen», sagt der 26-jährige Rheinecker kurz nach der Siegerehrung. Eine Steigerung für ihn und den Schweizer Bahn­vierer ist es aber dennoch: Vor einem Jahr in Plovdiv (Bulgarien) resultierte noch die Bronzemedaille. Es war die erste internationale Medaille des Vielseitigen, der schon in vier Radsport-Disziplinen Medaillen an Schweizer Meisterschaften gewonnen hatte.

Der konstanteste Schweizer Bahnfahrer führt Team an

Daneben steht Claudio Imhof vor der TV-Kamera. Der 31-jährige Thurgauer aus Scherzingen ist schon lange Vitzthums Trainingspartner, meist treffen sie sich in Arbon. Imhof hat Vitzthum vor rund drei Jahren das Bahnfahren schmackhaft gemacht. Der inzwischen siebenfache EM-Medaillengewinner – einen Tag später doppelte Imhof mit Bronze in der Einzelverfolgung nach – stand schon 2010 am Start, als es erstmals kontinentale Meisterschaften auf der Bahn gab. Er ist nicht nur Vitzthums Mentor, er ist auch der Anführer, ja die Vaterfigur dieses Teams, das noch aus dem Neuenburger Valère Thiébaud und dem Thurgauer Alex Vogel besteht, beide sind 22-jährig. Sie gehörten vor einem Jahr noch nicht zum Team, das EM-Bronze gewann. Keiner des EM- Quartetts gehörte zum olympischen Bahnvierer.

Imhof war im Aufgebot für Tokio erwartet worden, ihm ist die Nichtnominierung sauer aufgestossen. Er hat im «Blick» Dampf abgelassen («Ich wurde verarscht») und auch bei Nationaltrainer Daniel Gisiger auf den Tisch geklopft. Danach war er bereit, mit einem neuen Team neue Ziele zu verfolgen. Es geht auch darum, dem 67-jährigen Bieler Daniel Gisiger den Abschied zu versüssen. Der frühere Giro-Etappensieger, selbst ein preisgekrönter Bahnfahrer, hat dem Schweizer Bahnradsport in den 15 Jahren seines Wirkens wieder Leben eingehaucht.

Der Mannschaftsvierer ist eine olympische Disziplin, wie auch das Omnium, in dem Vitzthum gestern Freitag startete. Das Teamfahren ist das Flaggschiff des Schweizer Bahnradsports, der auf die Ausdauerdisziplinen gebündelt ist. Das Ziel sind immer die Olympischen Spiele, die EM und die gleichfolgende WM, auch die Meisterschaften in den nächsten zwei Jahren sind Schritte auf dem Weg nach Paris 2024. Die Olympiade, also die Zeit zwischen zwei olympischen Spielen, hat mit der EM erst begonnen.

Mannschaftsvierer ist das Flaggschiff auf der Bahn

Auch für Simon Vitzthum, der 15Jahre lang vor allem Mountainbike gefahren ist, sind die Olympischen Spiele auf der Bahn ein Ziel. Der Weg ist noch weit und die Konkurrenz im Schweizer Lager inzwischen gross, aber allein dass es der Biker auf der Bahn so schnell so weit gebracht hat, überrascht alle Beobachter. Biker sind un­ter Bahnfahrern als potenzielle Sturzverursacher gefürchtet. Sie fahren auf breiten Rädern im Gelände, die Bahnsportler nur auf einem millimeter-dünnen Schlauch auf glattem Parkettholz. Im Teamzeitfahren legen sie eine 250-m-Runde in 14 Sekunden zurück, das sind rund 64 km/h. Die Mountainbiker sind selten mit über 30km/h unterwegs. Simon Vitzthums Anpassungsfähigkeit ist vergleichbar mit einem Grasskifahrer, der seine sportliche Aktivität in den Winter verlegt und bei den Alpinskifahrern vorne mitfährt.

Im Mannschaftszeitfahren liegen die Sportler eher auf dem Velo, als dass sie sitzen. Die Aerodynamik ist der Schlüssel in dieser Disziplin, auf dem Bike spielt Windschattenfahren keine Rolle. Die Fahrer müssen Rad an Rad bleiben, nur schon eine kleine Lücke kann nicht mehr zugefahren werden. Wenn einer schlechte Beine hat oder nicht dasselbe Leistungsniveau, ist die Mannschaft verloren: Bei der Zeitnahme zählt der dritte Fahrer und der Anfahrer muss auf dem letzten Kilometer fast zwangsläufig abreissen. – Im Schweizer Team brachte Alex Vogel die Karawane zum Rollen. Der Trainingspartner von Stefan Bissegger ist selbst ein starker Zeitfahrer – er war in Grenchen immer der Schnellste. Auch im Final gegen Dänemark. Aber der dänische Vierer mit Carl-Frederik Bevort, Tobias Hansen, Matias Malmberg und Weltmeister Rasmus Pedersen überholte die Schweiz nach Rennhälfte, weil Imhof & Co. in jeder ein paar Zehntel mehr als 14 Sekunden verloren. «Es sind kleine Fehler, die wir machen, wir können uns noch verbessern», sagt Vitzthum.

In zwei Wochen sind bereits die Weltmeisterschaften

Das gilt wohl auch hinsichtlich der bald stattfindenden Weltmeisterschaften in Roubaix, an der sich das Team allerdings auch wieder verändern könnte. Die Schweiz hat mit der Silbermedaille die Erwartungen eher übertroffen als erfüllt, auch wenn sich die vielen Zuschauer eine Goldmedaille erhofft hatten. Dass Dänemark stärker ist, hatte sich bereits am Nachmittag angedeutet, und das haben sie mit dem bereits vierten Bahnrekord an der EM auch unterstrichen. Die Schweizer hatten aber die Beine für den zweiten Platz. Und auch den Kopf: Als die entfesselt gestarteten Russen eine Sekunde voraus lagen, hielten sie unbeirrt an ihrem Zeitplan fest. «Wir wussten, dass Russland schnell startet», sagt Vitzthum. Auf dem letzten Kilometer brachen sie auseinander und wurden vom Schweizer Vierer gar eingeholt.

Vitzthum hat die Kraft, die Präzision und die Ausdauer, die es braucht. Nachholbedarf hat er mangels Erfahrung im taktischen Bereich. Das zeigte sich eher im Omnium vom Freitag. Im Mehrkampf mit den Diszi­plinen Scratch, Temporennen, Ausscheidungs- und Punktefahren klopfte Vitzthum aber immerhin in den Top10 an, fiel dann aber noch auf den 13.Platz zurück.

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