RHEINECK: «Reif für etwas Unerwartetes»

Mit dem digitalen Magazin «Republik» will ein Team aus Journalisten, Kommunikations- und Organisationsfachleuten eine Medien-Revolution wagen. Mit dabei ist auch ein Rheintaler: Richard Höchner.

Alexandra Pavlovic
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Richard Höchner gibt seinem Leben Raum. (Bild: Laurent Burst)

Richard Höchner gibt seinem Leben Raum. (Bild: Laurent Burst)

Alexandra Pavlovic

Langstrasse. Hotel Rothaus. Über dem Eingang des Backsteingebäudes hängt ein grosses R. «R» wie Rothaus? Dem ist nicht so. Das «R» steht für Project R. Dahinter steckt ein Team von rebellierenden Journalisten in Zürich. Ziel des Teams ist es, ein digitales Magazin für den Journalismus des 21. Jahrhunderts zu entwickeln. «Smart, politisch, fair – und mitreissend genug, dass die Artikel gerne gelesen werden», wie sie sagen. Finanziert werden soll das Ganze ohne Werbung. In einer Zeit, in der Medienhäuser um Anzeigen kämpfen, ist dies kein leichtes Unterfangen. Doch die ersten Geldgeber waren schnell gefunden, weitere Zehntausend sind dank ihrer am vergangenen Mittwoch lancierten Crowdfunding-Aktion noch hinzukommen. Und es werden stetig mehr. «Wir sind noch immer sprachlos», sagt Richard Höchner. «Es scheint sich um ein grosses Bedürfnis der Menschen zu handeln.» Der Rheinecker ist Teil der «Rebellierenden» und organisiert die Community, die das Projekt trägt.

«Narrenfreiheit ist erlaubt»

Seine Funktion zu erklären, sei schwierig, sagt der 29-Jährige, angesprochen auf das, was er bei Project R tut. Er sei eine Art ­Verbindung zwischen der Welt draussen und den Journalisten drinnen in ihren Büros. Und an der Zürcher Langstrasse, wo das Viertel sich je länger je mehr vom Schmuddel-Image verabschiedet und zum hippen Quartier avanciert, sind Geschichten nicht weit. Der ideale Ort für eine ­Redaktion. «Jeder Mensch hat Ideen, Interessen und Geschichten. Ich sorge dafür, dass beides zusammenkommt. Bin also für die Vernetzung zuständig.» Wie aber lernt man das? Eine Ausbildung dafür gab es nicht wirklich, erklärt Höchner. Sein bestehendes Wissen war vielmehr «Learning by Doing» – das Lernen durch Arbeiten also. Davon zeugt sein bisheriger Lebenslauf. 2004 – während seiner Zeit in der Kantonsschule Heerbrugg – hat der damalige Schüler für die Bieler Firma Brainstore gearbeitet. Seine Zuständigkeit: Ideenprozesse beschleunigen. Er musste als noch Unerfahrener mal eine Bauarbeiterin für einige Aufgaben aufbieten, mal einen Fotografen buchen oder gar auch Unternehmer für ein Projekt zu einem Team formen. Nach der Kantonsschule stürzte er sich aber nicht weiter ins Berufsleben, sondern legte zunächst ein Ausland­semester ein und bereiste Neuseeland. Mit 18 Jahren versuchte Höchner es dann mit einem Studium der Gesellschaftswissenschaften an der Uni Basel. Doch er merkte schnell, dass ihm die Vorlesungen zu langweilig waren. «Ich wollte wieder raus und unter Menschen.» Und so heuerte Höchner schon bald wieder bei Brainstore an. Dort machte der Rheinecker schnell Karriere und wurde zum Organisator von 3000 freien Mitarbeitern auf der ganzen Welt. Angst, er würde das nicht schaffen, hatte er nie. «Ich liess alles auf mich zukommen.» Viele würden sich verschliessen und denken, sie müssten in ein Schema passen, sagt er. «Dabei darf jeder anders sein. Ein bisschen Narrenfreiheit ist erlaubt.»

Diese Erkenntnis fällt Richard Höchner leicht. Wohl auch deshalb, weil ihn seine Neugier rund um die Welt gebracht haben. Nach einigen Jahren bei Brainstore wechselte der Rhein­ecker 2010 zu einer Firma, die Informationsreisen für andere Firmen organisiert. Der Ostschweizer musste fortan Ingenieure oder Manager in Themen wie digitales Business, Detailhandel oder Marketing einführen. Und das nicht nur in der Schweiz, sondern auch an Orten wie San Francisco, Hongkong oder Bogota. Sieben Jahre, 60 Städte und über 2000 Telefonnummern später hatte der Ostschweizer genug und kündigte im Sommer 2016 «ins Blaue», wie er sagt. «Das jahrelange Reisen war zwar eine spannende und lehrreiche Erfahrung, doch ich wollte wieder sesshafter werden und meine Familie und Freunde um mich haben.» Als Sohn einer Italienerin und eines Schweizers geniesst er es, wenn die Familie zusammenkommt. Wenn er seine Neffen und Nichten sieht, und mit den beiden Geschwistern über die alten Zeiten spricht.

Seit der 29-Jährige vor rund zehn Jahren der Ostschweiz den Rücken gekehrt hat, ist Zürich sein Zuhause. In der Limmatstadt fühlt er sich wohl. «Vor der Nase verändert sich ständig etwas», sagt Höchner. Die Stadt sei voller Leben. Man spüre die Umbrüche, die Quartiere, die zu Schmelztiegeln werden – es passiere viel Unerwartetes. Ganz nach dem Geschmack des ­Rheineckers, der sich vom Leben gerne überraschen lässt. Damit dafür genügend Spielraum besteht, hat sich Höchner vorgenommen, nie 100 Prozent zu arbeiten. «Man braucht Raum, um sich entfalten und auf Neues reagieren zu können. Denn man weiss nie, was auf einen zukommen kann.» Wenn Höchner mal nicht arbeitet, dann geniesst er das kleine Gärtchen auf seiner Terrasse, nimmt Yogastunden oder organisiert Partys.

Seinem Leben Raum geben hat für den 29-Jährigen Priorität. Er will sich nicht in ein Schema pressen lassen und noch weniger von einer bestimmten Vorstellung eingenommen werden. Daher mache er sich über seine Zukunft kaum Gedanken. «Ich will mir keine Vorgaben machen, in zehn Jahren ein bestimmtes Ziel erreichen zu müssen», sagt er. Lieber wolle er für Unerwartetes bereit sein. «Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn jeder nur für sein eigenes Gärtchen schaut. Denn so übersieht man, was um einen herum passiert.»

Was die Zukunft ihres lancierten Magazins, das von den Rebellierenden auf den Namen «Republik» getauft wurde, bringt, werde die Zeit zeigen. Wird es in der harten Medienbranche überleben? «Wir alle sind sehr zuversichtlich, dass wir es schaffen», sagt er. Ein erstes Zeichen, dass die Gesellschaft reif ist für etwas Neues, etwas Unerwartetes, war der Erfolg ihrer Geld-Sammelaktion. Und was, wenn nicht? «Dann war die Zeit noch nicht reif genug.»