Rheindämme sind nur Erdhügel

Mit schwerem Gerät werden derzeit die Rheindämme auf ihre Stabilität untersucht. Was die Sonden zutage bringen, ist nicht gerade beruhigend. Die vor Hochwasser schützenden Wälle bestehen grossteils nur aus sandiger Erde.

Gernot Grabher
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Die Sondierung bringt die Innereien der Rheindämme zutage, die zur Untersuchung in Kisten geschüttet werden. Das geförderte sandige Material ist wenig vertrauenerweckend, die Dämme wurden einfach aus vor Ort gewonnener Erde aufgeschüttet. (Bild: Gernot Grabher)

Die Sondierung bringt die Innereien der Rheindämme zutage, die zur Untersuchung in Kisten geschüttet werden. Das geförderte sandige Material ist wenig vertrauenerweckend, die Dämme wurden einfach aus vor Ort gewonnener Erde aufgeschüttet. (Bild: Gernot Grabher)

Unterhalb des Ausganges des Diepoldsauer Durchstichs im südlichsten Lustenau steht ein mobiles Sondiergerät auf der Dammkrone. Ein deutsches Spezialunternehmen ist mit der Untersuchung des Materials beauftragt, aus dem der Hochwasserschutz beidseitig des Rheins besteht. Im Schnitt zwischen 15 und 25 Meter tief werden die Sondierrohre abgesenkt. Was sie in Form von Bohrkernen zutage fördern ist wenig vertrauenerweckend. Die Dämme bestehen auf weiten Strecken nur aus sandiger Erde, die zur weiteren Untersuchung in beschriftete Kisten gefüllt werden. «Und unter der Dammwurzel da ist nur Pampe», wie sich ein Arbeiter der Spezialfirma ausdrückt. «Es ist Sand, so stark mit Wasser durchsetzt, dass er aus dem Sondenrohr ausläuft.» «Laufletten», sagt man dazu im Rheintal.

Neu ist diese Erkenntnis für den mit dem Rhesi-Projekt befassten Mathias Speckle in der Amtsstelle in St. Margrethen nicht. «Als man in diesem Bereich Anfang der 1920er-Jahre die Dämme aufschüttete, nahm man eben das Aushubmaterial aus dem Rheinbett, die Verdichtungstechniken waren damals ebenfalls noch in den Kinderschuhen.» Nun soll die laufende Untersuchung Aufschluss über die tatsächliche Stabilität der Dämme geben. Je nach den örtlichen Gegebenheiten wird der Hochwasserschutz in Abständen von 50 bis 100 Metern mit der Sonde erkundet. Dies bedeutet, beidseitig gerechnet, auf der Untersuchungsstrecke vom Bodensee bis zur Illmündung auf der Höhe von Rüthi rund 380 Aufschlüsse.

Fragezeichen Torf

Viele Sondierungen werden jedoch wesentlich tiefer niedergebracht. Etwa dort, wo Anrainergemeinden Sorgen um die Brunnen für die Trinkwasserversorgung äusserten. Eine besonders heikle Zone ist auch die Strecke des Diepoldsauer Durchstichs, wo die Kiesauflage im Flussbett gefährlich dünn ist. Dort wurde Anfang der 1920er-Jahre das Bett für den neuen Rheinlauf durch das Riet gegraben, unter dem seit Jahrtausenden unsichere Torfschichten liegen, deren Mächtigkeit nun ergründet werden soll.

Sorge «Grundbruch»

Seit dem Hochwasserereignis 1987, das damals mit einer Marke von 2650 Kubikmetern pro Sekunde bereits zu Überschwemmungen in Fussach geführt hatte, wirft die Sicherheit der Rheindämme Sorgenfalten auf die Stirnen der Rheinbauleiter. «Damals wurden die Gefahren neu eingeschätzt und Gegenmassnahmen überlegt.» Mitte der 1990er-Jahre bis 2007 wurden Schmaldichtwände in die Dämme eingebracht, die vor allem das Durchsickern verhindern sollen. Eine weitere Gefahr ist die Überflutung der Dammkronen, die die Schutzbauwerke wie Zucker im Kaffee bröckeln lassen könnte. «Unsere grösste Sorge ist aber ein sogenannter hydraulischer Grundbruch», sagt der Schweizer Rheinbauleiter Daniel Dietsche. Dabei werden die Dämme unter dem Druck der Wassermassen unterspült und fallen in sich zusammen. «Das ist unsere grösste Angst am Rhein», gibt Dietsche angesichts des Milliarden-Schadenpotenzials im Rheintal zu. Wie die Sondierungen zeigen, die unter der Dammwurzel nur noch «Pampe» zutage brachten, ist diese Sorge nicht unbegründet.

Varianten «schärfen»

Die Rhesi-Projektleitung arbeitet weiter an den Varianten, die vor einer Verwirklichung der Öffentlichkeit vorgelegt werden sollen. Die Sondierung der Dämme soll eine weitere Entscheidungshilfe beisteuern. Gespräche mit den betroffenen Gemeinden über die Erhaltung der Trinkwasserversorung und des Grundwasserspiegels laufen ebenso wie die Diskussion mit den Landwirten, die den Verlust von Wirtschaftsflächen im Rheinvorland befürchten. «Bis März 2014 soll zu den zwei neu geschärften Varianten nun noch eine dritte vorgelegt werden», verspricht Mathias Speckle. «Das Ziel am Rhein bleibt aber unverändert. Das Rhesi-Projekt soll mehr Erholungsraum bringen, ein ökologisch verbessertes Flussbett und vor allem die gefahrlose Ableitung eines dreihundertjährlichen Hochwassers mit 4300 Kubikmeter pro Sekunde ermöglichen.»