Rhein-Diskussion fliesst ewig

Immer wieder Rhesi. Rhein hier, Rhein da. Ein Anlass jagt den nächsten. Doch so zuverlässig wie der Rhein durchs Rheintal fliesst, so sicher folgt eine Frage der andern, eine Meinungsäusserung der nächsten.

Gert Bruderer
Drucken
Teilen

WIDNAU. Zum jüngsten Rhesi-Anlass im Rhy-Schopf des Rheinunternehmens sind drei Dutzend Interessierte gekommen, unter ihnen Erich und Brigitte Sätteli aus Thal. Obschon sie ausserhalb des Projektgebiets leben, packt das Thema sie.

Bereits zum dritten Mal wohnt Walter Wolf aus Rüthi einem Rhesi-Anlass bei. Er möchte auf dem neuesten Stand sein, hören, wie es weitergeht.

Dauerbeschäftigt

Für Urs Kost, Mitglied der Gemeinsamen Rheinkommission und Internationalen Rheinregulierung, dürfte es etwa der dreissigste Auftritt sein. Noch öfter spricht Markus Mähr, der dauerbeschäftigte Projektleiter. Urs Kost zeigt Bilder vom Hochwasser, das alle noch frisch in Erinnerung haben. Es sei «scho ä rechts gsii», aber halt doch «nur» ein zehn- bis zwanzigjähriges. Im 20. Jahrhundert hat der Rhein ein paar Mal viel mehr Wasser mitgebracht.

Die Erfordernis, den Rhein «nachzurüsten», wie Kost sagt, ist unbestritten. Am «Wie» könnte es scheitern. Aber Kost ist guter Dinge, «irgendwann isch fertig gvätterlet», er sagt, bis Ende nächsten Jahres soll das generelle Projekt vorliegen und 2018 ins Bewilligungsverfahren eingestiegen werden. 2021 ist frühestens Baubeginn. Falls Rhesi kommt und zwei Jahre später fertig ist, wird Raphael Lüchinger pensioniert sein.

Lüchinger ist der in Diepoldsau aufgewachsene Co-Präsident der Umweltfreisinnigen St. Gallen, die den Anlass vom Dienstagabend organisiert haben.

Noch 17 Fischarten

Als die Input-Referate Kosts und Mährs zu Ende sind, wird auch bereits der ökologische Aspekt als erstes eingebracht, wenn auch ein wenig anders als erwartet. «Was», fragt ein Rhesi-kritischer Rheintaler, «was hat Hochwasser mit Renaturierung zu tun?» Bei Wasserbauten seien sie gesetzlich vorgeschrieben, sagt im Wesentlichen Markus Mähr. Schon vorher war von Kost zu hören, dass die Fische nicht mehr wunschgemäss im Rhein vertreten sind. Von einst dreissig Arten gibt es noch siebzehn, elf davon sind selten.

Viele Aspekte, bunt gemischt

Von besonderem Interesse sind überdies Dammstabilität (Kost: «Eine Aufgabe fürs spätere Detailprojekt»), die Höhe der Brücken (Kost: «Wird eine neu gebaut wie unlängst die ÖBB-Brücke, so wird sie höher gelegt») und die verwachsenen Kiesbänke zwischen Landquart und Zizers (Claudio Senn, stv. Leiter des Rheinunternehmens: «Ja, der Bewuchs ist dort zwar stark, was jedoch positiv ist für Pflanzen und Tiere und im Abflussproblem kein Problem darstellt, aber natürlich wird diese Stelle beobachtet»).

Auch der Lettenabtrag ist ein Thema. Von Zeit zu Zeit muss das Rheinunternehmen tonigen Boden, genannt Letten, beseitigen, damit das Flussprofil nicht immer enger wird. Jemand sagt, zwischen Kriessern und Montlingen sei solcher Letten liegen geblieben – weshalb? Antwort: Mit dem Abtrag habe man gewartet, weil der Letten für ein Bodenverbesserungsprojekt verwendet werde, die Baubewilligung aber noch ausstehend gewesen sei. Indem der Letten aufgeschüttet wird, lässt sich die Bodensetzung der letzten Jahrzehnte korrigieren.

Demokratisches Verfahren

Auch wer öfter an Rhesi-Anlässen teilnimmt, hört mindestens zwischendurch Neues. Beispielsweise dies: Heute ist die Verlangsamung des Flusses ein Thema, früher wurde er schneller gemacht, warum? Damals habe man noch nicht erkannt, wie sich die Bauwirtschaft entwickeln und dass der Kies deshalb gebraucht würde. Ausserdem soll ein Landschaftsarchitekt die Ansicht durchgesetzt haben, ein gerader Rhein sei schöner.

Die Sichtweise kann sich leicht ändern, der Rhein nicht. Aber zum Glück ist das demokratische Mitwirkungsverfahren so breit wie der Rhein bisher erst auf dem Rhesi-Papier.