Revanche mit Gold gekrönt

Die Rheintalerin Jolanda Neff wird in Alpago (It) vor ihrer Bike-Freundin Eva Lechner (It) und Blaza Klemencic (Slo) nach Gold bei den Juniorinnen und U23 erstmals Elite-Europameisterin. Bereits früh distanzierte sie sich von ihren Konkurrentinnen und schlug ihr Tempo an.

Urs Huwyler
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MOUNTAINBIKE. «Dann muss ich mir ein anderes Trikot holen», drohte Jolanda Neff der Konkurrenz an den durch einen Materialdefekt verpatzten Schweizer Meisterschaften, an denen ein dritter Rang heraussprang. Kathrin Stirnemann schlug ihr da ein Schnippchen und darf dank ihres Triumphs ein Jahr das Dress mit dem weissen Kreuz tragen. Neff beliess es nicht bei der Drohung und sicherte sich am Wochenende an den Europameisterschaften dieses andere Trikot – das blaue Leibchen der Europameisterin. Die Revanche für die SM und die 2014 verpasste EM-Goldmedaille ist der U23-Weltmeisterin in der italienischen Provinz Belluno somit eindrücklich gelungen.

Angriff im ersten Aufstieg

Vor zehn Monaten hatte die nicht zur Titelverteidigung angetretene Pauline Ferrand-Prévot (Fr) Jolanda Neff im Spurt am Rande der Legalität von der Strecke und auf die hinteren Plätze gedrängt. Diesmal kam es während der gesamten Distanz nie zu Ellbogen-Duellen. «Die Strecke liegt mir. Es geht ziemlich aufwärts, und die technisch schwierigen Abfahrten kommen mir ebenfalls entgegen», zeigte sich die erst 22-jährige Nummer eins der Welt vor dem Start zuversichtlich. Aber auch gesund angespannt. Die Enttäuschungen an der SM und zuvor beim Heim-Weltcup hatten nicht nur leicht an ihrem Selbstvertrauen gekratzt. Denn die nahezu komplett vertretene europäische Elite sah die Überfliegerin aus Thal plötzlich in Reichweite. Alle gegen «Joli» lautete die Devise. Nach dem Rennen gab es schliesslich aber keine Zweifel mehr, wer die Szene weiterhin beherrscht. «Ich vermochte ihr nicht zu folgen, sie lag ausser Reichweite. Zumal ich mich nicht wohl fühlte», gestand Gunn Rita Dahle aus Norwegen, die als Mitfavoritin am Start stand, am Ende jedoch mit Platz sieben vorliebnehmen musste.

«Im ersten Aufstieg griff ich wie vorgesehen an, kam weg und fand sofort den Rhythmus, danach fuhr ich mein Tempo», fasste die trotz der sommerlichen Temperaturen keineswegs ausgepumpt wirkende Jolanda Neff ihr Rennen zusammen. Zeitweise wies sie über eine Minute Vorsprung auf, am Ende waren es 40 Sekunden. Auf den letzten beiden der vier Runden hielt sie die Verfolgerinnen wie beim Weltcupsieg in Albstadt sicher auf Distanz.

Begehrtes Sujet

Auch bei den Zuschauern geniesst Jolanda Neff inzwischen eine Sonderstellung. Schon vor dem EM-Start wurde sie fotografisch für Männer, Frauen und Kinder im Handy-Foto-Selfie-Zeitalter zum Objekt der Begierde. X-mal musste/durfte sie posieren, wobei die Fans selten Deutsch und schon gar nicht Rheintaler Dialekt sprachen. Eine neben Neff um die Wette strahlende Gruppe glaubte nach sechs Minuten allerdings, Lokalmatadorin Eva Lechner werde der blonden Schweizerin noch gefährlich. Ein an der Strecke wohnender Azzurri versuchte, seine Landsfrau bis zum Schluss mit «Eva, nur 20 Sekunden Rückstand» zu motivieren. Es half alles nichts, das blaue EM-Trikot ging an die keine Schwäche zeigende Kronfavoritin.

Anziehen wird sie es allerdings selten, denn das Weltcup-Leader-Dress hat einen höheren Stellenwert. Doch die Emotionen und die Mimik während der Siegerehrung mit der Schweizer Nationalhymne illustrierten, dass der erste Titel 2015 zum richtigen Zeitpunkt gekommen war. Jolanda Neff genoss den Triumph, wirkte mit sich und der Welt zufrieden. «Am Dienstag reise ich nach Kanada. Ein solcher Sieg vor den nächsten Weltcuprennen stärkt das Selbstvertrauen, bringt Sicherheit. Vor allem, weil alles so verlaufen ist, wie ich es mir vorgestellt habe», so die vom Speaker als «Bike-Legende» betitelte neue Europameisterin.

Freude über den zweiten Platz

Dass Eva Lechner Zweite wurde, machte die Freude bei der Titelträgerin noch grösser. Die beiden Leichtgewichte trainieren schon mal zusammen, verstehen sich bestens, und die zum Tross gehörende Schwester der Vize-Europameisterin kümmert sich als Kosmetikerin jeweils auch um Jolanda Neffs perfekte gestylte Fingernägel. Kurz vor dem Start hatten sich die beiden noch abgeklatscht, sich gegenseitig alles Gute gewünscht. Besser geht es nicht.