Rennpferd zurück in der Manege

BAHNRADSPORT. Am Donnerstag wurde Jolanda Neffs linke Hand vom Gips befreit, am Freitag stand im Velodrome Suisse in Grenchen ein Omnium auf dem Programm. Das ist zwar nicht ihre Disziplin, aber nach sechs Wochen Pause ein lange vermisstes Rennen. Und Neff siegte sogar – trotz Sturz.

Yves Solenthaler, Grenchen
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Jolanda Neff (rotes Trikot) bestritt nach sechswöchiger Rennpause ein Omnium im Velodrome Suisse in Grenchen – andere Sportart, gleiches Ergebnis: Die 23-jährige Thalerin siegte. (Bild: Yves Solenthaler)

Jolanda Neff (rotes Trikot) bestritt nach sechswöchiger Rennpause ein Omnium im Velodrome Suisse in Grenchen – andere Sportart, gleiches Ergebnis: Die 23-jährige Thalerin siegte. (Bild: Yves Solenthaler)

Sie habe in einer Trainings-Abfahrt das «Männli» gemacht, hat Jolanda Neff im SRF-Interview während des Spengler Cups als Ursache des Sturzes verraten, der zum Handbruch geführt hat.

Sechs Wochen musste die Weltklasse-Mountainbikerin einen Gips tragen. An Trainings auf dem Bike war nicht zu denken. Aber auf dem Rennrad konnte Neff im Trainingslager auf Gran Canaria aber wieder Kilometer abspulen.

«Wenn eine Verletzung, dann am liebsten in dieser Phase», sagt Ralph Näf, seit diesem Jahr Teammanager bei Stöckli. Verpasst hat Jolanda Neff wegen ihres Missgeschicks nur die Radquer-Saison, in der sie keine Ambitionen hegte.

«Der Start auf der Bahn ist ein gutes Training, weil es zu intensiven Rennen kommt», sagt Neff. Auch Ralph Näf erwähnt die «hohe Trittfrequenz». Aber was Jolanda Neff an diesem Omnium in Grenchen sucht, ist etwas anderes. «Was Jolanda braucht», sagt der ehemalige Weltklasse-Biker Näf, «ist vor allem ein Rennen.»

Sie ist ein Rennpferd, das nun zurück in der Manege ist.

Bahnradsport ist auch ein bisschen Zirkus. Im Innenraum fliesst der Weisswein, auf der anderen Seite der Halle fahren die Sportler auf Rollen, drumherum wuseln die Mechaniker, Funktionäre und Fotografen. Die Männer tragen Schweizer Meisterschaften aus mit einem Omnium im olympischen Format.

Früher wäre Franco Marvulli hier mitgefahren. Der Olympia-Silbermedaillengewinner von Athen 2004 durfte das Velodrome einweihen. Jetzt führt er durchs Programm. Sein Moderations-Stil tendiert zwischen Clubferien-Animateur und an Schlagerparty-Einpeitscher. Marvulli formuliert seine Fragen oft als Zuschauerwünsche, zu Jolanda Neff gewandt, sagt er: «Das Publikum möchte diese schöne Frau in Rio mit einer Goldmedaille um den Hals sehen.»

Das erste Rennen im Olympiajahr – und Jolanda Neff wird bereits mit dem Thema konfrontiert, das jeden ihrer Auftritte im Jahr 2016 begleiten wird: Die ersehnte Goldmedaille an den Olympischen Spielen.

Jolanda Neff lächelt diese Bemerkungen weg und sagt etwas Unverfängliches, wie sie das noch 100 Mal tun wird.

Sie ist erst 23-jährig, offiziell ist Neff erst seit diesem Jahr keine Nachwuchsathletin mehr. Aber niemand käme auf die Idee, ihre Olympia-Premiere als «Zeit zum Lernen» zu bezeichnen. Ihr Status als zweifache Gesamtweltcupsiegerin und die klare Nummer 1 der Weltrangliste macht solche Tiefstapelei lächerlich, das ist klar.

Etwas realistischer eingebettet, werden die Erwartungen aber zum Beispiel mit der Erwähnung der Tatsache, dass seit Bestehen der Olympischen Spiele erst drei Schweizer Frauen im Sommer die Goldmedaille in einer Einzeldisziplin gewonnen haben.

Allerdings sind Jolanda Neffs Leistungen nicht dazu angetan, die Erwartungen zu schmälern. Selbst auf der Bahn, wo sie erst einmal ein Rennen bestritten hatte, gibt sie den Ton an.

Das Omnium besteht in dieser abgespeckten Version aus vier Disziplinen: Scratch, Ausscheidungsfahren, Punktefahren und Derny.

Scratch ist simpel: Wer 30 Runden zuerst zurücklegt, gewinnt. Jolanda Neff wird Zweite, knapp im Sprint von Aline Seitz aus Buchs geschlagen.

Im Ausscheidungsfahren – in vorbestimmten Intervallen scheidet die jeweils Letzte aus – sind im Final wieder Seitz und Neff auf der Strecke, diesmal setzt sich die Thalerin durch.

«Jolanda ist unglaublich», sagt Ralph Näf: «Das ist typisch für sie: Beim ersten Mal lässt sie sich noch erwischen. Schon beim zweiten Mal hat sie die Verbesserungsvorschläge adaptiert – und gewinnt.»

Die dritte Disziplin ist das Punktefahren, eigentlich der Höhepunkt und in einem richtigen Omnium das letzte Rennen. Dort werden alle zehn Runden Punkte an die drei Ersten vergeben. Es ist die spannendste Disziplin, weil neben der Punktejagd auch Rundengewinne möglich sind.

Den ersten Sprint gewinnt Jolanda Neff von der Spitze aus – eine Runde vor Schluss tritt sie an und lässt sich nicht mehr überholen.

In der zweiten Wertung bleibt Jolanda Neff lange im Windschatten von Aline Seitz und prescht erst auf der Zielgeraden an die Spitze.

Im letzten Drittel suchen einige der Punktelosen ihr Heil im Rundengewinn. Die Führende in der Zwischenwertung übernimmt die Kontrolle. Sie schlägt ein hohes Tempo an. Erfrechen sich dennoch Ausreisserinnen, stellt sie diese (nicht ohne sie vorher eine Weile draussen fahren zu lassen). Den letzten Sprint gegen Seitz verliert sie, insgesamt hat Neff im Punktefahren aber die Nase vorn.

Wie die Bahn-Novizin sofort die Chefin im Peloton wird, ist wohl das Beeindruckendste an ihrer Vorstellung auf dem Holz-Oval.

Im Derny knattern die Motoren. Die ersten Sechs treten hinter Schrittmacher-Töffs (Dernies) gegeneinander an. Die Derny-Lenker geben die Taktik vor, die Fahrerinnen versuchen, den Windschatten möglichst gut zu nutzen. Der Derny-Lenker wird zugeteilt, bei Jolanda Neff ist es Jean Jacques Petitpierre aus Genf. «Ich bin noch nie hinter dem Töff gefahren», sagt Jolanda Neff. Das Briefing mit Petitpierre war kurz: «Er hat gesagt, ich soll <A> rufen, um schneller zu fahren, und <O>, wenn ich es langsamer möchte.»

Bis zu den ersten Angriffen macht die Bikerin einen kontrollierten Eindruck. Dann kommt Andrea Waldis an ihr vorbei, was egal ist – die Konkurrentin um den Gesamtsieg ist Aline Seitz. Als aber diese angreift, verliert Neff den Kontakt zum Schrittmacher-Motorrad – sie stürzt in der Steilwandkurve.

Sie bleibt kurz im Sturzraum liegen, dann steigt sie wieder aufs Rad und fährt weiter. Schliesslich holt sie im Derny gar mehr Punkte als Aline Seitz und gewinnt deshalb das Omnium.

Das «Intensivtraining» in einer anderen Sportart hat zum Sieg geführt. Die Leistung spricht für sich, wenngleich man sagen muss: Es gibt in der Schweiz keine richtige Bahnspezialistin.

Darum geht's im Süden der Stadt Grenchen, wo seit Sommer 2013 das Velodrome Suisse steht: Mit dem überdachten Holz-Oval haucht Swiss Cycling dem Bahnradsport in der Schweiz neues Leben ein.

Grenchen ist der ideale Standort, weil in dieser Gegend das Radsport-Herz der Schweiz schlägt – die knapp halbstündige Zugfahrt von Olten nach Grenchen führt an Orten vorbei, die jeder Radsport-Interessierte der Schweiz kennt: Hägendorf, Oensingen, Solothurn.

Vorerst darf man sich über die Belebung des Bahnrennsports freuen. Aber wenn alles nach Plan läuft, kann Jolanda Neff in fünf Jahren nicht mehr nach Grenchen kommen – und ein Omnium gewinnen.

Es sei denn, sie setzt neben Mountainbike und Strassenrennen noch auf eine dritte Disziplin.

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