REGION: «Vegi heisst nicht Genussverzicht»

Tibits, das ist etwas für grössere Städte. Aber das Rheintaler Brüder-Quartett Frei verbindet mit seinem Lokal in St. Gallen die Hoffnung auf «Ausstrahlung» ins Rheintal, auch auf «Inspiration» – auf einen Vegi-Schub.

Gert Bruderer
Drucken
Teilen
Vegi-Pionier Rolf Hiltl (2. v. l.) und Regierungsrat Martin Klöti wohnten der Eröffnung des St. Galler Tibits bei. Alle drei Gründungsmitglieder der Familie Frei waren anwesend: (von links) Reto, Daniel und Christian Frei. (Bild: pd)

Vegi-Pionier Rolf Hiltl (2. v. l.) und Regierungsrat Martin Klöti wohnten der Eröffnung des St. Galler Tibits bei. Alle drei Gründungsmitglieder der Familie Frei waren anwesend: (von links) Reto, Daniel und Christian Frei. (Bild: pd)

Gert Bruderer

Reto Frei, der als Erster mit Fleischessen aufhörte, sagt sogleich: «Wir wollen niemanden bekehren.» Aber den im Rheintal immer noch bedauernswerten Vegetarier von seiner Exotenrolle zu befreien, das gefiele ihm und seinen Brüdern. Im St. Galler Rheintal ist nur Daniel, mit Sohn und Gattin, immer noch zu Hause – in St. Margrethen, wo seit zweieinhalb Jahrzehnten auch die Eltern leben.

Christian Frei hatte in jungen Jahren die damalige Schweinemast Aldo Zächs angeprangert, doch in den letzten Jahren verstand er sich mit dem späteren, kürzlich verstorbenen Kinotheaterbetreiber bestens. Als Mitglied des Vereins gegen Tierfabriken beschloss Christian Frei, dem Metzger keinen Franken mehr zu bringen – was Bruder Daniel ermunterte, dem Beispiel nachzueifern.

Familiencharta für den Nachwuchs

Diese drei also – Daniel (mit HSG-Abschluss), Reto (der ETH-Absolvent) und Christian (ausgebildeter Lehrer) – gründeten vor 17 Jahren, unterstützt von Vegi-Pionier und Teilhaber Rolf Hiltl, in Zürich ihr erstes Tibits. Mit dem neuen in St. Gallen sind es elf, davon zwei Restaurants in London.

Seit fünf Jahren ist auch der älteste Bruder – Andreas, ein ehemaliger Banker – für Tibits tätig, und die Kinder des Brüder-Quartetts (acht insgesamt, im Alter von sechs bis zwanzig Jahren) sind grundsätzlich willkommen, falls sie den Wunsch haben, ebenfalls ins Geschäft einzusteigen. Zu diesem Zweck gibt es neuerdings eine Familiencharta – Ergebnis eines Skiwochenendes, an dem die Tibits-Gründergeneration das Unternehmen ihrem Nachwuchs näherbrachte.

Reto Frei erinnert sich: «Als wir Tibits gründeten, meinten Kollegen, Vegi sei gut und recht, doch sie bräuchten ihr Fleisch.» Inzwischen dächten viele anders. Bruder Christian ergänzt, sogar im Rheintal seien Vegi-Speisen drauf und dran, salonfähig zu werden. Inzwischen sei das alte Vorurteil teilweise abgebaut und setze sich allmählich auch im Rheintal die Erkenntnis durch, dass vegetarische Gerichte keinesfalls Genussverzicht bedeuten müssten.

Dass das Angebot noch ausbaufähig ist, führt Tibits in St. Gallen vor – in einem Gourmettempel, den die Menschen schon an jenen Tagen füllten, als das Restaurant noch nicht eröffnet war. Das Tibits hatte schon ab Montag jeden Tag die Tür geöffnet, ohne dass man dies zuvor bekanntgegeben hatte. – Doch die Leute merkten es – und stürmten das Lokal.

Rheintal bekommt wohl nie ein Tibits

Dass es im St. Galler Rheintal ziemlich sicher nie ein Tibits geben wird, liegt am Konzept. Es ist auf mindestens 800 Gäste pro Tag und Restaurant ausgerichtet.

Daniel Frei sagt, Dornbirn habe schon vor Jahren die Eröffnung eines Tibits angeregt, man habe diesen Wunsch geprüft, ihn aber nicht erfüllen können. Andernfalls würde Susanne Frei, die aus Österreich stammende Frau des Tibits-Geschäftsführers, sicher öfter in der Vorarlberger Filiale speisen; Dornbirn ist ihr Arbeitsort.

Immer offen für Einzigartiges

Aufgewachsen sind die Gebrüder Frei in Rheineck, wo Vater Felix die ehemalige Zückerlifabrik Erismann führte. Er und Mutter Beatrice, sagt Daniel, der jüngste Bruder, hätten ihre Kinder immer unterstützt und sie in ihrem Plan bestärkt, als Unternehmer zu beginnen.

Die Brüder, mit Rolf Hiltl Stars der Szene, geben sich trotz ihrer prächtigen Erfolgsgeschichte sehr bescheiden, und sie schätzen Bodenständigkeit. Als Rheintaler berücksichtigen sie auch das Rheintal, indem sie im neuen Tibits Wein aus Berneck und Altstätten ausschenken; zudem verarbeiten sie Soja-Bohnen aus Rebstein und Rheintaler Ribel. «Generell sind wir offen für spezielle Produkte», sagt Reto Frei, «für Einzigartiges – Vorschläge nehmen wir gern entgegen.» Bruder Christian ergänzt: «Zum Beispiel Pro-spezie-rara-Produkte.»

Tibits-Welt kennt keine Grenzen

Der jüngste Tibits-Streich zeugt von besonderem Mut: Ausgerechnet in der Olma-Stadt bieten die Rheintaler eine pflanzliche Alternative zur Olma-Bratwurst an, ein Produkt aus Tofu, das schon zu kritischen Aussagen von Metzgern, aber zu aufmunternden Reaktionen aus dem privaten Umfeld geführt haben soll. Wer Lust hat, die Tibits-Speisen nach Hause zu holen, dem kann dazu ab sofort das neue Kochbuch mit «Lieblingsrezepten aus der Tibits-Welt» dienen. Übrigens ist Tibits hergeleitet aus dem Englischen, es kommt von «tid bit», was im Deutschen Leckerbissen heisst.

Daniel Frei, der Geschäftsführer, sagt von sich selbst, dass er auf Süsses stehe. Wie Bruder Reto mag er Käsekuchen, der bei Tibits Cheesecake heisst. Der Blick auf die Webseite zeigt, was den Gründern sonst noch besonders schmeckt: Thai-Tofu-Salat mit Melonen oder Taboulé, ein Salat aus der arabischen und speziell der libanesischen sowie syrischen Küche.

Dass die Tibits-Leute nichts von Grenzen halten (abgesehen vom Verzicht auf Fleisch), ist schon den Angestellten anzusehen: In den elf Lokalen werden die Gäste von Menschen aus 70 Ländern bedient.