REGION: Leinwand, Sticker und Maschinenbau

Die Industrie- und Handelskammer St.Gallen-Appenzell feiert dieses Jahr den 550. Geburtstag. Aus diesem Anlass referierte IHK-Direktor Kurt Weigelt vor Unternehmern über die Ostschweizer Wirtschaftsgeschichte.

Gerhard Huber
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IHK-Direktor Kurt Weigelt (4. v. l.) mit Mitgliedern der Industrie- und Handelskammer. (Bild: Ulrike Huber)

IHK-Direktor Kurt Weigelt (4. v. l.) mit Mitgliedern der Industrie- und Handelskammer. (Bild: Ulrike Huber)

REGION. Wohl nur wenige Interessenvertretungen können sich auf ein Gründungsjahr 1466 berufen. In diesem Jahr wurde nämlich mit der «Gesellschaft zum Notenstein» eine der direkten Vorgängerinnen der Industrie- und Handelskammer IHK St.Gallen-Appenzell gegründet. Damals schon schlossen sich vor allem die im Fernhandel erfolgreichen St.Galler Unternehmer zusammen, um ein freiheitliches und formloseres Gegengewicht zu den Zünften zu bilden, um für Zoll- und Handelsfreiheit zu kämpfen und sich auch gesellschaftlich zu positionieren.

Diese Zeit des ausgehenden Mittelalters machte IHK-Direktor Kurt Weigelt in seinem Vortrag «Im Schnellzug durch die Ostschweizer Wirtschaftsgeschichte» wieder lebendig. Vor über zwanzig von diesem Referat begeisterten Vertretern von Rheintaler Unternehmen zeigte er in der Schmidheiny-Weinkellerei in Heerbrugg, wie die wirtschaftliche Entwicklung unserer Region vom Flachsanbau, die aus diesem Rohstoff erfolgende Herstellung von Leinwand und deren Vertrieb nach ganz Europa, über die Leinwandkrise zur Baumwollstickerei führte. Und damit auch zum Maschinenbau. Er legte dar, wie diese Strukturen bis heute wirken.

Kaum jemand ist sich heute bewusst, dass die Leinwandindustrie im St.Galler Raum im 14. und 15. Jahrhundert die erste Exportindustrie der Schweiz war. Und dass die Fernhändler, die diese Leinwand in die entlegensten Winkel Europas transportierten, von Almeria in Spanien bis Danzig im heutigen Polen, von London bis Neapel tätig waren. Gegen alle Widrigkeiten, angefangen bei der Piraterie auf dem Bodensee bis zu den überall zu entrichtenden Brücken- und Wegzöllen, waren die Händler erfolgreich. Nicht zuletzt, weil sie als «Gesellschaft zum Notenstein» gemeinsam ihre Interessen vertraten. – Das Aufkommen der Baumwolle Anfang des 18. Jahrhunderts führte zur «Leinwandkrise». Mit der Idee, die Sticktechnik von Seide auf Baumwolle zu übertragen und der Mechanisierung der Stickerei bis zum ersten Stickautomaten entfachten die Ostschweizer einen Boom. Der mit dem Ersten Weltkrieg und der Weltwirtschaftskrise, aber auch dem neuen Selbstverständnis der Frauen und dem damit verbundenen Modewandel ein jähes Ende fand.

In der Diskussion wurde die Frage nach der Zukunft des Ostschweizer Wirtschaftsraums aufgeworfen. Dabei war man sich einig, dass dringendst die Voraussetzungen für einen Strukturwandel, besonders für IT-Ausbildungsmöglichkeiten, geschaffen werden müssten. Denn derzeit ist die Ostschweiz in allen Statistiken Zweitletzte unter den Schweizer Regionen: bei der Exportentwicklung, den Einkommen und der Bevölkerungsentwicklung.