REBSTEIN: Der oberste FC-Sängerknabe

Beim FC Rebstein wird nicht nur Fussball gespielt, sondern auch gesungen. Ehrenpräsident Otto Graf gab mit Kollegen ein Liederbüchlein heraus. Es geht ihm um den Spass am Singen und den Erhalt des Liedguts.

Remo Zollinger
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Ein grosser Ordner, ein kleines Büchlein: Otto Graf hat viel Zeit und Herzblut ins FCR-Liederbüchlein investiert. (Bild: Remo Zollinger)

Ein grosser Ordner, ein kleines Büchlein: Otto Graf hat viel Zeit und Herzblut ins FCR-Liederbüchlein investiert. (Bild: Remo Zollinger)

Remo Zollinger

Montagabend, kurz vor 19 Uhr. Ein Dutzend Herren verschiedenen Alters trifft sich auf dem Rebsteiner Fussballplatz. Soweit nichts Aussergewöhnliches, wäre da nicht der Grund für das Treffen: Sie wollen singen, genauer gesagt die Lieder vom Singbüchlein aufnehmen.

Otto Graf, Ehrenpräsident des FCR und Initiant des Liederbüchleins, kann nicht mittun. Ihn plagt eine Bronchitis, weshalb er dem jetzigen FC-Präsidenten, Hansueli Steiner, einen Zettel gibt. Darauf stehen die Lieder, deren Vertonung an diesem Abend bevorsteht. Los geht’s mit «Vater Abraham». Die Anwesenden nehmen rund um den Stammtisch Platz, schlagen das Büchlein auf und beginnen gleich. Simon Steiner, Sohn des Präsidenten, nimmt den Gesang mit einem Mikrofon und einer Audio-Software auf. Später werden alle Lieder – es sind weit über hundert – auf die FC-Homepage geladen. Mit Text und Ton.

Otto Graf wurde in seiner Ehre gekränkt

«Ein solches Büchlein zu machen, schwebte mir schon lange vor, die Idee hatte ich vor mehr als fünf Jahren», sagt Otto Graf. Nun klappte es, nachdem er einen Anschub bekommen hatte: Nach einem Heimspiel hat eine Gruppe drei Stunden lang gesungen und Otto Graf einmal mehr von seinem Vorhaben erzählt.

«Ein Junger meinte, ich würde es ja doch nie umsetzen. Das hat mich im Stolz gekränkt, am nächsten Tag habe ich darum gleich mit der Arbeit begonnen», sagt der Ehrenpräsident.

Otto Graf hat seine besten Sängerkollegen zusammengetrommelt: Bruno Langenegger, Bruno Moresi, Reto Graf und Urs Hartert. Zusammen haben sie in vielen Sitzungen Lieder gesammelt, über Texten gebrütet, mögliche Quellen angezapft. «Mein Ziel war es, nicht die Lieder aufzuschreiben, die ohnehin schon alle kennen», sagt Otto Graf. Er verweist auf zwei Wiener Schrammel-Lieder, Stücke, die jeweils beim Heurigen in Döbling erklingen. Sie haben es ebenso ins Büchlein geschafft wie Tessiner Volkslieder, eines aus dem romanischen Teil Graubündens und Zunftlieder, etwa von Zimmermännern, Fuhrmännern oder Metzgern.

Die meisten sind Volkslieder oder Schlager, die sich gut in fröhlicher Runde singen lassen – etwa nach einem Spiel in der Kabine, während sich die Bierkästen türmen. «Es geht hier aber ums ­Singen, nicht ums Trinken», warnt Otto Graf lachend. Das Büchlein sei keine Sammlung von Saufliedern. Obwohl gewisse davon, etwa das «Stimmungs-Potpourri» oder «Und wer noch nie der Katz’ am Arsch geleckt» mit etwas Bier sicher besser funktionieren.

Eine der Perlen sei «Chüngeli». Das Lied beginnt so: «Grossmuetter, d’Chüngeli sind tot» und hat nur sieben Zeilen. «Das ist das blödeste von allen, viel blöder geht’s wirklich nicht mehr. Aber es gefällt mir gerade darum, man kann es immer in den Raum werfen», sagt Otto Graf.

Ein FC, bei dem Singen gross geschrieben wird

196 Seiten umfasst das Büchlein, fast gleich viele Lieder sind drin. Ein zweites, deutlich dünneres, ist beigelegt: Es trägt den Titel «unsaubere Lieder» und die Warnung, dass sein Inhalt für Jugendliche nicht geeignet sei.

Hinter den Büchlein steckt viel Arbeit. Otto Graf zeigt den Ordner, der die Redaktionsarbeit begleitet hat. Darin finden sich Liedtexte, minutiös niedergeschrieben und so angepasst, dass die Versmetrik stimmt. Der Ehrenpräsident ist ein Perfektionist, wenn es um seine Lieder geht. Und summt sie beim Blättern im Ordner gerne mal vor sich hin.

«Mein erstes Ziel ist, dass das Liedgut, diese Lumpenlieder, nicht verloren geht, sondern der Nachwelt erhalten bleibt», sagt Otto Graf. Das Liedgut sei ein kleines Stück Zeitgeschichte und ein Teil des FCR. «Ich erinnere mich an ein Spiel in Mendrisio in den Sechzigerjahren. Es war ein Aufstiegsspiel. Wir sind nicht aufgestiegen, gesungen haben wir aber. Wir haben fast lieber gesungen als Fussball gespielt», sagt Otto Graf.

Neben dem ersten Ziel, das er mit dem Büchlein erreicht hat, verfolgt er ein weiteres: «Das Liedgut soll wieder vermehrt gesungen werden», steht im Editorial. Die Tonaufnahmen seien daher auch eine Anspringhilfe, wenn jemand singen möchte, ihm die Melodie aber nicht in den Sinn komme. Das Textbüchlein helfe da nicht genug.

Vielleicht brauchen die Rebsteiner Tschutter aber auch bald keine Anspringhilfe mehr. Otto Graf hat nämlich noch ein Projekt: Ab dem nächsten Winter will er sich regelmässig in der Clubhütte mit Gleichgesinnten zum Singen treffen.