Ran an den Speck!

Der Advent ist die Zeit der Weihnachtsessen in den Ochsen und Rösslis. Arbeitgeber wollen danken – Arbeitnehmer nutzen die Essen hingegen ganz verschieden. Sieben Psychogramme.

Samuel Tanner
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Wer sitzt neben wem? Hektik am Weihnachtsessen. (Archivbild)

Wer sitzt neben wem? Hektik am Weihnachtsessen. (Archivbild)

Für Peter Kast sind die Freitag- und Samstagabende derzeit schweisstreibend. Der Chefkoch des Restaurants Ochsen in Berneck empfängt seit Anfang November Firma um Firma zum Weihnachtsessen – vielen anderen Rheintaler Restaurants geht es genauso.

Meist stellt das Team von Kast ein Buffet zusammen. Denn: «Zwei Dinge sind wichtig: Es soll für jeden etwas dabei sein. Und es sollen alle genug kriegen», sagt der Experte. «Manche sagen sich nämlich: <Jetzt haue ich mal so richtig rein!>» Kast schmunzelt und sagt dann: «So soll das doch auch sein!» So abwechslungsreich die Speisen sind, so individuell verhalten sich die Gäste der Bankette. Sieben Typen-Beschriebe.

1. Der Exzessive: Der Lauteste am Apéro-Tischchen, der Erste an der Weinflasche, der Letzte beim Heimgehen: Dieser Typ Weihnachtsesser ist in jeder Rheintaler Firma berühmt-berüchtigt. Er bewegt sich stets auf einem schmalen Grat: Drei oder vier Flaschen Wein? Dem verstaubten Chef über drei Tische hinweg «Hoooooppp!» zu rufen? Drei oder vier Polonaisen anzetteln? Der Exzessive kann bei der Buffet-Eröffnung ohne Scham und für alle Angestellten hörbar rufen: «Ran an den Speck!» Würde dieser Typ in urbaneren Regionen längst eiskalt ignoriert, erfreut er sich im Rheintal – übertreibt er nicht vollends – grosser Sympathie. Oft ist er nämlich gleichzeitig auch Firmen-Clown (siehe Beschreib 3) und Alleinunterhalter. Spätestens wenn er die Lehrtochter zum Tanz bittet, sollte man für ihn aber ein Taxi bestellen.

2. Der Büro-Schönling: Ein feines Merkmal unterscheidet diesen Typ von allen andern: Er oder (vor allem) sie nimmt am Nachmittag vor dem kollektiven Nachtessen frei. Fährt zur Coiffeuse für eine neue Frisur, zur Kosmetikerin für die gewünschte Fingernagel-Länge und zum Gurken-Aufleger für die optimale Konsistenz ihrer Gesichtshaut. Fragt man sie vor dem Dessert nach der aufwendigen Frisur, wird sie sagen: «Ach ja, die Frisur! Hab ich schon vergessen.» Sie wird nicht mal rot anlaufen. Gurken sei Dank!

3. Der Clown: An Motto-Abenden trägt er das auffälligste Kostüm, an Tanzabenden bittet er die Chefsekretärin auf die Bühne und nach der letzten Wein-Runde ruft er: «Wo bleibt der Alkohol? Ich verdurste! Mein Rücken erhält bereits Risse!» Ein hoffnungsloser Fall.

4. Der Vorbereitete (auch Hinauf-Esser genannt): Sein Moment des Abends kommt, wenn die Belegschaft vom Apéro an die Esstische wechselt. Jetzt sind wache Augen gefragt: Nur nicht den Vorgesetzten aus den Augen verlieren! Aus seiner Vorbereitung weiss der Hinauf-Esser: Der Chef sitzt traditionellerweise am vordersten Tisch. Er steuert also genau dorthin und sagt dann Dinge wie: «Ich finde es sooo wichtig, proaktiv zu kommunizieren.» – «Meine Bürotür ist immer offen.» – «Wenn ich jeweils spätabends die Mails checke, dann …» Der Abend wird dem Hinauf-Esser zwei Ergebnisse bringen: Gespött in der Kantine und Achtung in der Chefetage.

5. Das Anhängsel: Drei Tage vor dem Weihnachtsessen kreuzt das Anhängsel im Büro auf und fragt: «Wär's dir egal, wenn ich neben dir sitzen könnte? Kenne ja sonst fast niemanden.» – «Klar», antwortet man und merkt spätestens nach dem Dessert: Es war ein Fehler! Wie ein SVP-Stratege bei der Bundesratswahl sucht man dann nach Wegen, das Anhängsel loszuwerden. Geht aufs Klo, winkt der Putzfrau am Nebentisch, begleitet die Raucher nach draussen. Das Anhängsel wird bei jedem Schritt lächeln und sagen: «So lustig, genau das hatte ich auch grad vor.»

6. Der Lehrling: Sagt nichts, isst kaum was, trinkt Mineral und geht nach dem Dessert. Seinen Kollegen wird er nachher – in der Disco – in die Ohren schreien: «War voll langweilig, ej Mann, die Alten sind so langweilig.»

7. Der Philosoph: Für einmal keine Lust, über Fussball, das Wetter und Bürokollegen zu reden? Für einmal keine Lust auf Besoffene? In diesem Fall ist der Platz neben dem Firmen-Philosophen geeignet. Er wird abendfüllend über die Dürrenmatt-Biographie und die Konkordanz reden und dazu stilles Mineralwasser oder Grüntee trinken. Er wird über die ausgeklügelte Erziehung seiner Kleinkinder sprechen, zudem über die Wirkung von Bachblüten und Yoga. Jetzt haben Sie nur zwei Möglichkeiten: Mitreden! Oder: Schweigen! Denn der Philosoph erwartet eigentlich nur ein regelmässiges Nicken.