Privatisierung im Zeichen des Krieges

1793 beenden die fünf Oberrieter Rhoden ihre Güterteilung. Bereits im folgenden Jahr stimmen die Rhodsbürger von Montlingen einem neuen Reglement über die Nutzung ihres Gemeindeguts zu.

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Ausschnitt aus dem Rhodsreglement vom 10. Juni 1794 im Ortsgemeindearchiv Montlingen (Bild: pd)

Ausschnitt aus dem Rhodsreglement vom 10. Juni 1794 im Ortsgemeindearchiv Montlingen (Bild: pd)

1793 beenden die fünf Oberrieter Rhoden ihre Güterteilung. Bereits im folgenden Jahr stimmen die Rhodsbürger von Montlingen einem neuen Reglement über die Nutzung ihres Gemeindeguts zu. Der erste Artikel dieser unscheinbaren Rhodsordnung ist unter anderem die Folge eines grossen europäischen Konfliktes. Der erste Artikel besagte, dass der «Mooss-, Loho- und Bentzenteil» parzelliert und an die Rhodsbürger verlost werden sollte. Damit wurden die zuvor gemeinschaftlich beweideten Allmenden der privaten Nutzung zugeführt. Solche Privatisierungen sind im Rheintal des ausgehenden 18. Jahrhunderts eine allgemeine Erscheinung. Sie sollten individuellen Ackerbau ermöglichen und damit zu einer besseren Selbstversorgung mit Ackerfrüchten beitragen. Es ist kein Zufall, dass dieser Prozess vor allem in den 1790er-Jahren einsetzte: Von 1792 bis 1797 wütete in Europa der Erste Koalitionskrieg zwischen Frankreich und europäischen Monarchien, die seit der Französischen Revolution von 1789 von den Idealen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit bedroht waren. Die Koalition gegen Frankreich begann mit einem Schutzbündnis von Österreich und Preussen und wurde unter anderem durch den Beitritt der Königreiche Sardinien-Piemont, Grossbritannien, Spanien und Neapel erweitert. Zwischen den süddeutschen und norditalienischen Kriegsschauplätzen blieb die Schweiz zwar weitgehend von den blutigen Kämpfen verschont. Über diese neutrale Lücke im Koalitionsring konnte jedoch die französische Republik mit Waren aus den Koalitionsstaaten versorgt werden. Die Gegner Frankreichs verhängten deshalb eine Exportsperre gegen die Schweiz. Damit wurde aber auch der Import von Ackerfrüchten ins Rheintal verhindert und die Nahrungsmittelversorgung stark beeinträchtigt. Die Förderung des individuellen Ackerbaus in zahlreichen rheintalischen Gemeinden sollte dazu beitragen, die Gefahr einer Hungersnot zu vermindern.

Über weitere Funde im Rahmen des Projekts «Rechtsquellen und Geschichte des Rheintals» wird demnächst berichtet.

Werner Kuster