Postkonfessionelle Zeit

Aus christlicher Sicht

Carsten Wolfers
Drucken
Teilen
Auf die Bibel berufen sich alle christlichen Konfessionen. Das jeweilige Glaubensbekenntnis beruht auf ihr. (Bild: depositphotos/bernardojbp)

Auf die Bibel berufen sich alle christlichen Konfessionen. Das jeweilige Glaubensbekenntnis beruht auf ihr. (Bild: depositphotos/bernardojbp)

Wenn wir das kleine Präfix «post» vor ein Wort stellen, dann deuten wir an, dass das Wort, das dann folgt, etwas bezeichnet, das gerade geht.

Wir reden von der Postmoderne, um zu sagen, dass dies die Zeit sei, in der die Moderne ihre Koffer packt. Man spricht von den Postmaterialisten, in der Hoffnung, dass es doch noch Menschen gibt, denen das Materielle, Güter, Besitz, Geld nicht ganz so wichtig sind. Wenn Politiker einfach etwas behaupten und es ihnen völlig egal ist, ob sich ihre Behauptung auch durch Fakten belegen lässt, nennen wir das postfaktisch.

Konfession meint zunächst das Bekenntnis. Immer wieder neu haben Christen sich bemüht, den Inhalt ihres Glaubens in Sätze zu giessen, die je für ihre Zeit verständlich waren. Im Kern blieb und bleibt das Bekenntnis immer gleich, als Glaube an Gott, an Jesus Christus, an Gottes Geist unter uns und in uns.

Gerade der Reformation, die in diesem Jahr beginnt, auf ihre 500-jährige Geschichte zu schauen, kommt der Verdienst zu, sich um das Bekenntnis bemüht zu haben. Nicht umsonst war es gerade der Reformator Martin Luther, der mit seinen Katechis­-men das Bekenntnis nahebringen wollte. Man soll doch wissen, was man glaubt.

Im Laufe der Reformation wurde das Bekenntnis zum wichtigen Unterscheidungsmerkmal. Man hat die Kirche daran erkannt, ob dieses oder jenes Bekenntnis galt. Konfession wurde so mehr und mehr zur Bezeichnung von Kirchenzugehörigkeit. Das ist zunächst etwas sehr Positives: Eine religiöse Gruppe vergewissert sich selbst ihres Glaubens, das Bekenntnis verleiht ihnen ihre eigene, besondere Identität. Dann weiss man, wofür diese Gruppe steht, was ihr wichtig ist und wofür sie sich einsetzt. Allerdings, und das mögen wir Heutigen eher negativ sehen, führte dies eben auch zur Abgrenzung von anderen Gruppierungen. Kritisch müssen wir heute sagen, dass der Umgang, den viele christliche Konfessionen gegeneinander an den Tag legten, wenig christlich war. Man hat es mit der Konfession als Kirchenzugehörigkeit etwas übertrieben.

Kardinal Müller, der bis vor Kurzem als Präfekt der römischen Glaubenskongregation vorstand, wird gelegentlich mit dem Ausspruch zitiert: «Das konfessionalistische Zeitalter ist vorbei.» Das ist zunächst nicht mehr und nicht weniger als das Eingeständnis, dass der heutige Bedeutungsverlust der Kirchen sowie die schwache Bindekraft der Kirchengemeinden nicht länger da­zu berechtigen, so zu tun wie vor hundert Jahren. Einerseits mag man ja der alten Zeit nachtrauern. Andererseits muss man, historisch gesehen, einräumen, dass es auch vor der Konfessionalisierung der Kirchen möglich war, den Glauben in Gemeinschaft zu leben. Es gab auch eine Kirche, bevor sie sich als Konfession begriff und all die bis heute prägenden Institutionen und Strukturen schuf.

Vielleicht ist es kein ganz so grosses Manko, wenn die Konfessionen nicht mehr den Stellenwert wie früher haben. Womöglich wird sie dann wieder mehr eine Frage des Bekenntnisses, des Glaubens und weniger eine Frage, ob ich dieser oder jener christlichen Gruppe angehöre.

Carsten Wolfers

Diakon in Balgach