Plötzlich war die Brücke fort

Heute vor 50 Jahren hat eine Sturmböe die Holzbrücke zwischen Lienz und Bangs zum Einsturz gebracht. Karl Göldi aus Rüthi und Günter Lampert waren an dem Abend an der Brücke.

Kurt Latzer
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Karl Göldi fuhr am 27. November 1965 als letzter über die Brücke Bangs-Lienz. Zehn Minuten später lag die Holzkonstruktion im Rhein. Der Zollwächter Günter Lampert hatte dort an diesem Abend Dienst. (Bild: Archiv Günter Lampert)

Karl Göldi fuhr am 27. November 1965 als letzter über die Brücke Bangs-Lienz. Zehn Minuten später lag die Holzkonstruktion im Rhein. Der Zollwächter Günter Lampert hatte dort an diesem Abend Dienst. (Bild: Archiv Günter Lampert)

LIENZ/BANGS. Heute vor 50 Jahren feierte Günter Lampert aus Nofels seinen 24. Geburtstag. Um 19 Uhr trat der ehemalige österreichische Zollwächter beim Grenzübergang Bangs-Lienz seinen Dienst an. «Es war tagsüber schon stürmisch. Kurz bevor ich den Dienst antrat, wurde der Sturm immer stärker», erinnert sich Lampert. Er ist der einzige Zeuge, der über den Einsturz der Brücke berichten kann. «Mein Schweizer Kollege, Andreas Zogg, hatte am selben Abend Dienst. Er war leider unter den Opfern des Mordanschlags am Grenzübergang Oberriet 1974», sagt der pensionierte Zollbeamte.

Es war wie ein Donnergrollen

Weil der Sturm immer stärker wurde, zog sich Lampert ins Zollgebäude zurück. «Es ist eine Orkanböe das Tal hinunter gefegt. Kurz bevor die Brücke einstürzte, war ein Donnergrollen zu hören und das Licht fiel aus», sagt der Vorarlberger. Er habe in der Kanzlei des Zollgebäudes unter dem Türstock Schutz gesucht, weil er befürchtete, der Sturm fege das Haus weg. Um 19.23 Uhr habe es gekracht und plötzlich war die Brücke weg. Als erstes informierte Lampert telefonisch die Polizei und die Rheinbauleitung über den Vorfall. «Machen sie keine Scherze. Das war das Erste, was ich von allen Angerufenen zu hören bekam», erinnert sich der Zollwächter. Lampert hatte für diese erste Reaktion gewisses Verständnis. Denn die gedeckte Holzbrücke Bangs-Lienz, die ursprünglich am Übergang Gaissau-Rheineck gestanden hatte und 1908 ins Oberrheintal transportiert wurde, hatte über fünf Jahrzehnte lang Wind, Wetter und Hochwassern Stand gehalten.

Letzter Mann auf der Brücke

Beim Einsturz der Holzkonstruktion über den Rhein haben viele Leute Glück gehabt. Denn heute vor 50 Jahren wurde in Feldkirch der neue Eissportplatz mit einem Eishockey-Länderspiel zwischen der Schweiz und Österreich eingeweiht. Günter Lampert: «Gegen 2000 Fans aus der Schweiz reisten zu diesem Anlass. Alle fuhren etwa eine Stunde vor dem Einsturz über die Brücke.» Die Eishockey-Fans wurden während des Matchs über den Vorfall am Rhein informiert und gebeten, für die Heimreise den Übergang Meinigen-Oberriet zu wählen.

Glück hatte auch der Rüthner Karl Göldi. Am Tag des Brückeneinsturzes hatte er seine Frau und die Kinder zu den Schwiegereltern nach Nofels gebracht. Am Abend fuhr er noch einmal über die Brücke, um sie wieder abzuholen. Zehn Minuten später stürzte die Holzkonstruktion in den Rhein.

Günter Lampert und Hans Göldi sind gute Freunde. An jenem Abend aber, wären sich die Beiden beinah in die Haare geraten. «Wegen der kaputten Brücke hatte ich die Schranke geschlossen. Hans meinte, ich wolle ihn provozieren und einfach so nicht hinüber lassen», sagt Lampert mit einem Lächeln. Er habe ihm das mit der Brücke nicht geglaubt, bis er selbst nachschaute.

Zweites Unglück

«Das mit den Haaren ist übertrieben», sagt Göldi. Auch er kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. «Von der Grenzschranke aus war die eingestürzte Brücke nicht zu sehen. Es war ja schon dunkel und der Teil der Brücke über das Rheinvorland ganz», konstatiert der Rüthner.

Entgegen der Empfehlung zogen die Eishockey-Fans nicht über Meiningen-Oberriet zurück in die Schweiz, sondern nach Bangs – zur eingestürzten Brücke. Günter Lampert und Hans Göldi erinnern sich an das Unglück, das sich einen Tag nach dem Einsturz der Brücke ereignete. «Auch am folgenden Tag wimmelte es auf beiden Seiten des Rheins von Schaulustigen … und dabei geschah das nächste Unglück», hiess es damals in den Zeitungen. Eine vierköpfige Familie fuhr mit ihrem Auto auf der Schweizer Seite in Richtung der Brücke. Wenige Hundert Meter vor dem Zollgebäude Lienz kam es am unbeschrankten Bahnübergang zur Katastrophe. Der Zug, den der Autolenker übersehen hatte, erfasste das Fahrzeug und alle vier Insassen kamen ums Leben. Dieser Unfall war der Grund für den Bau einer Bahnüberführung.