Platz für bis zu hundert Flüchtlinge

Weil mehr Flüchtlinge über die Rheintaler Grenzen in die Schweiz reisen, wird eine weitere Zivilschutzanlage vorbereitet: in Diepoldsau. Noch heute könnten erste Personen einziehen und darauf warten, in Altstätten Asyl zu beantragen.

Seraina Hess
Merken
Drucken
Teilen

GAMS/DIEPOLDSAU. Seit fünf Tagen wohnt Moneer Ahmad mit seiner Frau und den zwei Buben in der Zivilschutzanlage in Gams. Hinter der Familie liegt eine dreiwöchige Reise; teilweise zu Fuss, mit dem Auto und mit dem Zug. Der 24-jährige Afghane gehört zu jenen Flüchtlingen, die nicht weiterreisen, sondern in der Schweiz Asyl beantragen möchten. Weil das Empfangs- und Verfahrenszentrum Altstätten mit seinen 176 Plätzen voll belegt ist, zieht sich die Wartezeit bis zum Antrag aber in die Länge – trotz der Erweiterung durch die seit dem Sommer angeschlossene Gebirgsunterkunft Lukmanier mit 100 Plätzen.

Das kantonale Migrationsamt koordiniert deshalb in Zusammenarbeit mit dem Staatssekretariat für Migration die Unterbringung in Zivilschutzanlagen. Flüchtlinge, die in Buchs einreisen, werden von der Grenzwache erfasst, von der Polizei kontrolliert und anschliessend vom Militär in Sprinter-Bussen in die verschiedenen Zivilschutzanlagen der Region gebracht – so wie Moneer Ahmad nach Gams, und so wie bald weitere Flüchtlinge nach Diepoldsau.

25 bis 100 Flüchtlinge pro Tag

Dass es nötig werden würde, eine weitere Rheintaler Anlage zu öffnen, zeichnete sich vor etwa drei Wochen ab, sagt Robert Brocker, Kommandant der Regionalen Zivilschutzorganisation Mittelrheintal. Letzte Woche stand fest, dass es die Anlage beim Oberstufenzentrum Kleewies in Diepoldsau sein wird. Noch am Dienstagabend wurden die letzten Vorbereitungen getroffen und der Eingang durch einen provisorischen Zaun vom Schulhausgelände abgetrennt. Wie viele Flüchtlinge anreisen werden, weiss Brocker noch nicht: «Genau wie in Gams bietet die Anlage Platz für insgesamt 100 Personen – was aber nicht heisst, dass sie ausgelastet sein wird.» Die Flüchtlingszahlen schwankten derzeit sehr stark, weshalb sich keine genauen Prognosen machen liessen. Fakt ist, dass die Zahlen in der Schweiz gestiegen sind: Im September wurden 4544 neue Asylgesuche registriert, 645 mehr als noch im August. Gemäss dem Migrationsamt St. Gallen seien in den letzten vier Wochen zwischen 25 und 100 Flüchtlinge pro Tag über die Rheintaler Grenzen in die Schweiz gereist. Auch zeichnete sich im dritten Quartal ab, dass erstmals mehr Menschen über die Ostgrenze statt über die Südgrenze eingereist sind.

Die Rede ist von einer Woche

Gestern Abend hat die Zivilschutzorganisation Mittelrheintal die Gamser Anlage den Werdenberger Kollegen übergeben. Die Mittelrheintaler Zivilschützer sind fortan für die Diepoldsauer Anlage zuständig. Wie in Gams werden die Betreuer auch dort tagsüber zu sechst, in der Nacht zu dritt anwesend sein. Die Zivilschützer sind kurzfristig aufgeboten worden, sagt Robert Brocker. Es handelt sich um Not- und Katastrophenhilfe, weshalb Arbeitgeber verpflichtet sind, die Angestellten für den Einsatz freizustellen. Da sich aber schon vor ein paar Wochen abgezeichnet hatte, dass es zu einem Einsatz kommen könnte, seien die Zivilschützer mit einem Brief vorgewarnt worden.

Wie lange der Einsatz in Diepoldsau dauern wird, ist nicht bekannt. Damit keine Gemeinde benachteiligt werde, sei von einer Woche die Rede. Danach sei bei Bedarf eine andere Gemeinde an der Reihe, sagt Brocker. Allerdings könnte Diepoldsau auch länger zur Verfügung stehen. Weder das Staatssekretariat für Migration noch das kantonale Migrationsamt wissen, ob demnächst in einer weiteren Rheintaler Anlage Flüchtlinge untergebracht werden müssen.

«So schnell wie möglich»

Obschon es vor allem für die Kinder unangenehm sei, im stickigen Luftschutzkeller zu sitzen, ist Moneer Ahmad mehr als zufrieden: «Es ist der erste Ort auf unserer Reise, an dem die Menschen freundlich sind», sagt er. Dennoch hofft Ahmad, dass es für ihn und seine Familie nach Altstätten geht. «Am besten so schnell wie möglich.» ? PIAZZA 36