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Pionier unter Piraten

Alex Arnold könnte der erste Pirat in einem Gemeindepräsidium werden – sofern ihn die Eichberger wählen. Er müsste sich dann von einigen Idealen der eigenen Partei verabschieden.
Samuel Tanner

EICHBERG. Als Alex Arnold und die Piraten drinnen über die Musikindustrie diskutieren, hüpfen draussen Frauen im Teufelchen-Kostüm durch die Gassen von St. Gallen.

Sie sammeln Geld für die einzige Frau im Engelchen-Kleid. Sie wird bald heiraten.

Drinnen, bei den Piraten geht es um das Urheberrecht, um die armen Künstler und die übermächtigen Plattenbosse.

Engelchen und Teufelchen.

Im «Metzgertor» in einer engen St. Galler Gasse läuft der Stammtisch der Piratenpartei – es ist ein Ort der grossen Politik.

Und zwischen diesen sechs diskutierenden Leuten steht Alex Arnold. Er schmunzelt manchmal – seine Welt könnte bald die kleine Politik sein. Grenzabstände, Mofa-Kontrolle, Vergabungen. Er will dahin, wo alles plötzlich nicht mehr so einfach ist, wo Gut und Böse, wo Teufelchen und Engelchen sehr nahe beieinanderliegen.

Alex Arnold ist der Kandidat der Piratenpartei und der überparteilichen Findungskommission fürs Gemeindepräsidium in Eichberg.

Urheberrecht in Eichberg

Und Alex Arnold ist in diesem bunten Piraten-Club der Mann für die pragmatischen Ansätze. Bevor er sich zu den Kollegen ins «Metzgertor» setzt, hat Arnold, 31, in der Lokremise gesessen und gesagt: «Ich werde in Eichberg nicht primär die Piraten-Themen vertreten, das ist klar.»

In jenem schmucken Dorf sind weder Urheberrecht noch Facebook Kernthemen. Arnold weiss das. – Es ist ja nicht so, dass er sein bisheriges Leben in St. Galler Bars verbracht hat und da die Welt in Gut und Böse einteilte.

Seine Karriere hat da begonnen, wo sie jetzt fortgeführt werden soll: Alex Arnold absolvierte die Lehre bei der Gemeinde Eichberg. Er war ein Mitarbeiter von Eliane Kaiser, für die er jetzt nachrücken könnte. Bis 2004 lebte er im kleinen Oberrheintaler Dorf. Auch nach seinem Wegzug spielte er Schlagzeug im Musikverein, die Söhne von Walter Freund – einem der SVP-Kandidaten für das Amt – sind Freunde und Arnolds Besuche im Oberrheintal heute nicht selten.

An diesem Sommerabend sitzt er aber in der St. Galler Lokremise, die kantonale Hauptstadt ist seit einem halben Jahr sein Zuhause. Hier arbeitet er als Projektleiter in der Softwarebranche.

Alex Arnold hat ein iPad vor sich – eine Art Lebenshilfe für viel junge Leute, besonders für Piraten. Mit dem Ding bestellen sie Essen, navigieren sie durch die Stadt, laden sie Musik herunter.

Arnold kann damit auch seinen eigenen Blog lesen oder auf Twitter seine Meinung zu einem aktuellen Thema hinzufügen. Was er oft tut. Seine vornehmlichen Themen haben viel mit denen der Piraten zu tun – sie drehen sich um das Internet, dessen Risiken und Chancen.

Warum aber will dieser Mann jetzt nach Eichberg und sich da um Grenzabstände kümmern?

Er sagt: «Weil es eine spannende Aufgabe ist. Vor allem der strategische Teil reizt mich. Zudem wäre ich auch da eine Art Projektleiter. Wie ich es schon heute bin.»

Aber auch wenn Kandidat Arnold hier, in der Lokremise, so tut, als wäre ihm vieles schon bekannt: Mit dem Amt würde er sich und die eigene Partei mitnehmen auf eine Reise ohne gewisses Ende.

Die Piraten-Partei will, gestrafft und vereinfacht ausgedrückt, dass aus ihren Politikern keine Politiker werden. – Sie sollen austauschbar bleiben, einen Teil ihres Lohns der Partei abgeben und für totale Transparenz einstehen. Bei den Nachbarn in Deutschland, wo die Bewegung schon weiter ist, reibt sich die Basis an den aufgestiegenen Amtsträgern.

Nur Instinkt und Überzeugung

Hat Pirat Arnold keine Angst, die eigenen Ideale bald zurückzulassen? Er verneint. «Höchstens etwas Respekt. Aber ich glaube, die Piraten brauchen Leute, die draussen in den Gemeinden, die in der Realpolitik Erfahrungen sammeln.»

Es ist dies das Mantra eines Pioniers. Alex Arnold sieht sich durchaus in dieser Rolle.

Und seine Freunde am Stammtisch in St. Gallen auch – zumindest heute.

Marcel Baur, 41, ist in der Runde im «Metzgertor» der älteste. Er will ins St. Galler Parlament und dort natürlich die Piraten-Themen vertreten. Was sagt er dazu?

«Anders als die Deutschen wollen wir nicht die Welt verbessern – wir wollen Pragmatiker sein.»

Alex Arnold steht daneben und vielleicht hofft er, dass sein Kollege dem Journalisten nicht sagt, was dieser gerne hören würde. – Etwa, dass man auf ihn, Arnold, schauen werde. Dass man ihn dazu drängen werde, die Gemeinderats-Sitzungen öffentlich zu machen.

Denn genau das, totale Transparenz, will Alex Arnold nicht. Er sagt: «Es gibt Dinge, die sollen intern bleiben. Etwa der Stand einer Verhandlung.»

Marcel Baur sagt dann aber keinen heiklen Satz. Er sagt nur: «Alex wird im Gemeinderat wohl vor allem Vermittler sein.»

Der Kandidat fürs Gemeindepräsidium nickt und sagt: «Im Moment muss ich ja keine Angst haben, dass in Eichberg ein Piraten-Thema relevant wird.»

Ja, er sagt: Angst.

Vorher, in der Lokremise, als er alleine war, hat Alex Arnold vor allem von Respekt, neuer Herausforderung oder neuen Themen geredet. Dann wollte er aufbrechen – ins «Metzgertor». – Nur: Das iPad fand das Lokal nicht. Und so stand der digitale Pirat nun ohne sein gewohntes Hilfsmittel an einer Kreuzung und musste sich entscheiden. Links oder rechts? Alex Arnold hatte in diesem Moment nur seinen Instinkt und seine Überzeugung zur Verfügung.

In Eichberg wäre das wohl ab und zu nicht anders.

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