Picknick im Wäldchen

In unserem kleinen Wäldchen steht eine ziemlich mächtige Eiche. Die Traubeneiche war bis vor kurzem mit einem Efeu bewachsen, «wädlidick» und sehr vital. Da der Efeu im Winter grün bleibt, bleibt auch der Schnee darauf liegen.

Urs Stieger Berneck, Www.u-Stieger.com
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In unserem kleinen Wäldchen steht eine ziemlich mächtige Eiche. Die Traubeneiche war bis vor kurzem mit einem Efeu bewachsen, «wädlidick» und sehr vital. Da der Efeu im Winter grün bleibt, bleibt auch der Schnee darauf liegen. Das Gewicht des nassen Schnees genügte, um einen dicken Hauptast zu brechen. Seither sieht sie etwas zerzaust aus, wächst aber munter weiter. Den Efeu habe ich inzwischen abgesägt.

Eichen sind die mythologischen Bäume schlechthin. Meine damals schon alte Tante hat mir unter der Eiche auf der Steig in Altstätten Geschichten erzählt von kettenbewehrten Dämonen, die hier ihr Unwesen treiben, und von den Seelen der hier Erhängten, die noch immer bei Vollmond umhergeistern…

Ein Mann wie eine Eiche! Nicht unbedingt der Traum der Frauen, aber ein Männlichkeitsideal des 19. Jahrhunderts. Man findet Eichen und Eicheln auf Münzen, am Schwingerfest, bei Asterix, am Zinnkrug oder an der Uniform des Musikvereins. Die Holznutzung stand lange Zeit nicht im Vordergrund. Gefragt waren Eicheln für die Schweinemast und Zweige für die Gerbstoffherstellung. Gerbstoff wurde und wird gebraucht, um aus Fellen Leder herzustellen. Dazu werden die Eichen geringelt eingeschnitten. Der Baum reagiert mit Ausschlag, es entstehen viele Zweige an den Schnittstellen.

Für die Tiere des Waldes ist der Platz unter den Eichen momentan ein gedeckter Picknicktisch. Die Eicheln fallen herunter, man trifft sich zum Schmaus. Eichhörnchen, Haselmaus, Eichelhäher und Krähen finden sich ein. Eichhörnchen und Häher sammeln Wintervorräte, da sich Eicheln perfekt dazu eignen. Der Häher vergräbt die Eicheln, vergisst hin und wieder einen Platz und trägt so zur Verbreitung bei.

Da der Gerbstoffgehalt sehr hoch ist, mögen nicht alle Tiere Eicheln. «Auf den Eichen wachsen die besten Schinken!» Der bekannte Spruch wird in vielen Ländern auch noch heute beherzigt, im Herbst treibt man die Schweine in den Eichenwald.

Die Eichelhüte unter unserer Eiche sind wie mit einem Skalpell angeschnitten, die Hülsenböden sind noch darin, alles andere ist sauber ausgeputzt. Als Kind wurde ich von einem Siebenschläfer in den Finger gebissen, er liess nicht los, auch nicht als ich die Hand heftig schüttelte. Wie scharf müssen Eichhörnchenzähne sein, um solch exakte Kanten zu schneiden?

Wer etwas für die übernächste Generation tun will, pflanzt jetzt Eichen, wie Elzéard Bouffier, der Mann, der Eichen pflanzte, Hunderttausende in den kahlen Gegenden der Provence.

Eichen pflanzen ist leicht, nur frisch müssen die Samen sein. Mühsamer ist das Warten – zehn Jahre, 100 Jahre, 300 Jahre …