PFERDESPORT: Pferde trainieren wie Leichtathleten

Die 16-jährige Salome Keller aus Diepoldsau wurde Schweizer Nachwuchsmeisterin im Springreiten. Sie besucht das Sportgymnasium in Vaduz, im Training dreht sich alles um ihre Pferde Qualitys Girl, Qetty de la Cense und Bailando.

Yves Solenthaler
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Salome Keller und Qualitys Girl vertreten die Schweiz an den Junioren-Europameisterschaften in der Slowakei. (Bild: Yves Solenthaler)

Salome Keller und Qualitys Girl vertreten die Schweiz an den Junioren-Europameisterschaften in der Slowakei. (Bild: Yves Solenthaler)

Yves Solenthaler

Salome Keller betreibt Springreiten seit bald zehn Jahren. Ihr erstes Turnierpferd war der elfjährige Wallach Bailando, mit ihm errang sie Erfolge auf der Stufe «Children», aber nie eine Medaille an nationalen Titelkämpfen (zweimal Vierte).

Seit letztem Jahr reitet Salome Keller bei den Junioren. Manchmal immer noch mit Bailando, manchmal auch mit der 13-jährigen Stute Qetty de la Cense. Die Stute, die der Diepolds­auerin in Wädenswil kürzlich zum Schweizer Meistertitel verhalf, heisst aber Qualitys Girl. Mit diesem Pferd wird sie vom 7. bis 12. August auch an den Europameisterschaften in Samorin (Slowakei) starten.

Täglich trainiert sie sechs Stunden mit den Pferden

Qualitys Girl, Qetty de la Cense und Bailando stehen in Boxen mit Freiluft-Auslauf beim Elternhaus. Salomes Eltern, Hansjörg und Claudia Keller, sind keine Reiter, kennen sich aber inzwischen mit Pferden aus. Auch Sandro, Salomes zwei Jahre älterer Bruder, ist Turnierreiter – allerdings nicht auf höchster Ebene.

Chrigel, sein Pferd, ist ebenfalls im elterlichen Stall untergebracht. Auch dieses Pferd wird zurzeit von Salome Keller betreut und trainiert; ihr Bruder absolviert gerade ein Praktikum in einem Pferdestall in Kanada.

Wenn sie am Mittag von der Schule heimkommt, das ist am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag der Fall, widmet sie ihren Pferden immer sechs Stunden. Meist trainiert Salome Keller auf der nahe gelegenen Anlage des Kavallerievereins Unterrheintal, bei dem sie Mitglied ist. Bei schlechtem Wetter ist sie froh um die Reithalle.

Einmal pro Woche trainiert sie mit ihren Pferden (oder einigen davon) bei Raphael Masson in Speicherschwendi. Der Belgier ist selbst Turnier-Springreiter. Der Kontakt zu ihm kam zustande, als er Trainer beim KV Unterrheintal war. «Raphael Massons Art, die Pferde zu trainieren, überzeugt uns», sagt Hansjörg Keller, «er baut sie behutsam auf.»

Wer die Pferde in ihrer Box besucht, bemerkt selbst als Laie, dass es keine gewöhnlichen Feldpferde sind. Sie sind nicht zwingend grösser als herkömmliche Pferde, aber muskulöser. Ihre Kruppe (hinterer Teil des Rückens) steht fast höher als der Widerrist (Halsansatz rückseitig, an dem die Grösse der Warmblüter gemessen wird).

Auf menschliche Verhältnisse bezogen, sind Spring-Turnierpferde Leichtathleten – und so trainieren sie auch. Nicht nur Springübungen, Kombinationen und Trab (Laufschule) stehen auf ihrem Trainingsprogramm, auch Dressur (für die Beweglichkeit und Geschmeidigkeit) gehören dazu. Im elterlichen Stall steht auch ein Laufband, das für die Bedürfnisse von Qualitys Girl, Qetty de la Cense und Bailando eingestellt werden kann. Das Band stellt automatisch ab, wenn ein Pferd sich in die Waagrechten begeben sollte. Springpferde sind – in der Leichtathletik-Sprache – Mehrkämpfer: Geschwindigkeit und Ausdauer sind wichtig.

Salome Kellers eigenes Training besteht zu einem grossen Teil aus der intensiven Arbeit mit den Pferden: «Vertrauen ist das A und O. Je länger ich mit einem Pferd zusammenarbeite, desto besser kann ich es einschätzen.»

Auch sie braucht eine robuste Fitness: «Wenn ich während des Parcours mit der eigenen Kondition beschäftigt wäre, ginge es nicht.» Für diese Anforderung braucht die 16-Jährige aber kein Konditionstraining. Einmal pro Woche besucht sie jedoch ihren «Personal Coach» in Liechtenstein. Dort geht es um Krafttraining. Wichtig ist ihre Rumpfmuskulatur: «Um Fehlbelastung zu vermeiden, achtet er aber auf ganzheitliches Training.»

EM-Ziele: Finalplatz und Start im Nationenpreis

Den Schweizer Meistertitel gewann Salome Keller nicht als Favoritin, einige Konkurrenten sind zwei Jahre älter. Aber als Führende vor dem finalen Umgang. An solchem Druck sind schon viele zerbrochen, sie sagt aber: «Ich war nicht nervöser als sonst auch.»

Dank des Titels kann sie in zweieinhalb Wochen an der EM starten. Internationale Turniere sind kein Neuland für Salome Keller, sie hat schon für die Schweiz an Nationenpreisen teilgenommen, europäische Titelkämpfe aber schon. Deshalb fällt es ihr nicht leicht, ein sportliches Ziel zu formulieren: «Es wäre sicher schön, den Final zu erreichen.» Und einen Platz im Schweizer Team am Nationenpreis strebt sie an, dort dürfen nur vier der fünf Nominierten starten.

Ihre vier Teamkollegen an der EM sind Welsche, Salome Keller wird oft Französisch sprechen müssen. «Das fällt Salome nicht schwer», sagt Mutter Claudia Keller, «sie ist ein Sprachtalent.» Nicht nur in der Diktion der Pferde.