Paul Gruber, der Projekt-Nomade

Der in Rebstein aufgewachsene Paul Gruber war schon Snowboard-Profi und organisierte Events. Seit letztem Sommer führte er die «Lokremise» in St. Gallen – diese Woche war seine letzte. Er sagt: «Mich reizen schwierige Aufgaben.»

Samuel Tanner
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Hat bereits das nächste Projekt vor Augen: Paul Gruber in der St. Galler «Lokremise». (Bild: Samuel Tanner)

Hat bereits das nächste Projekt vor Augen: Paul Gruber in der St. Galler «Lokremise». (Bild: Samuel Tanner)

Snowboard-Profi, Event-Organisator, Snowboard-Hersteller, Marketing-Angestellter. Der in Rebstein aufgewachsene Paul Gruber hat in seinem Leben schon viele berufliche Richtungen eingeschlagen. Seinerzeit hatte er die KV-Lehre gemacht und sich Lehrer oder Musiker zum Ziel gesetzt, doch er wusste bald: «Ich möchte aus den bekannten Mustern ausbrechen, die Welt kennenlernen.» Gruber hat es geschafft, von Kalifornien bis Taiwan – mit mittlerweile 47 Jahren kann er von sich behaupten, die Welt gesehen zu haben. Immer auf Achse, immer unterwegs, von Projekt zu Projekt.

«Ans Herz gewachsen»

Vor dem Gespräch in der St. Galler Lokremise zeigt er dem Gast die Räume. Die «Lok», wie sie in der Kantonshauptstadt liebevoll genannt wird, ist ein Kulturzentrum der besonderen Art. Es verbindet Kunstausstellungen mit Kino und Theater. Das Herzstück bildet jedoch das Restaurant «Lokal». Gruber kennt hier jedes Eck, weiss über die geschichtlichen Hintergründe Bescheid («Dieser Beton ist über hundert Jahre alt.»)und fühlt sich zu Hause. Er sagt: «Die Lokremise ist mir ans Herz gewachsen.» Der Weg, wie Paul Gruber zum Posten des Managers kam, ist unkonventionell: Vor der Abstimmung über die millionenteure Restaurierung der Remise führte er mit Erfolg das Provisorium – über 600 kulturelle Veranstaltungen fanden in vier Jahren statt. Darauf gab er die Führung ab. Jedoch nur so lange, bis die Geschäftsführerin im vergangenen Juni, drei Monate vor der Eröffnung am 12. September, aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste. Gruber sprang ein. Es wartete eine Herkulesaufgabe.

«Nur ich bleibe übrig»

«Mögen Sie sogenannte <Feuerwehrübungen>, Herr Gruber?»

«Mögen ist vielleicht das falsche Wort, aber solche Aufgaben reizen mich.»

«Suchen Sie denn danach?»

«Nein, manchmal kommt es mir vor, als würde jemand <Vorsicht!> in einen Raum schreien, und alle suchen das Weite. Nur ich bleibe übrig.»

Und trotzdem: Paul Gruber läuft gerade in Extremsituationen zur Hochform auf. In nunmehr drei Monaten komplettierte, organisierte und koordinierte er: «Teilweise gab es in meinem Leben nur noch die «Lokremise». Zu Beginn fehlte es an allen Ecken und Enden. Aber auch Details mussten in die Hand genommen werden: «Hauswarte anstellen oder die Frage: Wo kaufen wir das Klopapier ein?» Jetzt schmunzelt Paul Gruber darüber. Die Eröffnung fand wie geplant statt, und mittlerweile hat sich die «Lokremise» in der St. Galler-Kulturszene etabliert. Gruber ist zufrieden mit der geleisteten Arbeit. Zusammen mit dem Team konnte er die Remise in den Alltag führen – «die Mängelliste ist beträchtlich kleiner als bei der Eröffnung.» In den Alltag führen, so hiess die Mission des Paul Gruber. Das Rüstzeug für dieses organisatorische Meisterstück hat sich der 47-Jährige früh geholt.

«Es war eine wilde Zeit»

Mitte seiner persönlichen 20er-Jahre gehörte er zu den ersten Snowboard-Herstellern und erfand unter dem Namen «Crazy Banana» viele heute selbstverständliche Zutaten eines Bretts: Zum Beispiel eine Standard-Befestigung zwischen Board und Bindung. «Es war eine wilde Zeit», erinnert sich Gruber. Sein Team kümmerte sich von der Produktion bis zum Verkauf um alles. «Dabei lernte ich Englisch, war in fremden Ländern, eignete mir Marketing-, Organisations- und Menschenkenntnisse an.» Für den in Rebstein aufgewachsenen Snowboard-Pionier war es eine Lebensschule. Noch heute profitiert er davon. Diese Erfahrung habe auch seinen Erfolg in der «Lokremise» ermöglicht. Eines seiner wichtigsten Ziele hat er erreicht: «Ich wollte eine Dienstleistungs-Mentalität einführen.»

Der Zeitpunkt, weiterzuziehen

Bisher ist Gruber bei allen seinen Tätigkeiten an einen Punkt gekommen, der richtig war, um weiterzuziehen. Manchmal dauerte es länger (20 Jahre in der Snowboard-Industrie), im aktuellen Fall kürzer (6 Monate «Lokremise»). Paul Gruber ist ein Projekt-Nomade. «Wenn der Alltag eingekehrt ist, wird es mir rasch zu langweilig. Dann suche ich etwas Neues.» Im Jahr 2013 feiern die beiden Appenzeller Kantone zusammen das 500-jährige Jubiläum. Der Projektmanager wird beim Festspiel mithelfen. «Darauf freue ich mich bereits wahnsinnig.» Da ist er wieder, der rastlose, der daueraktive Gruber. «Ich bin aber auch älter geworden, mittlerweile brauche ich ab und zu eine Pause», lacht er. Ende Monat gönnt er sich eine Woche Snowboard-Ferien mit der Familie.

Was ihn antreibt? Der Exil-Rheintaler überlegt lange. «Es ist die Neugier, diese unersättliche Neugier.» Gruber nimmt sich eine Teetasse: «Dann frage ich mich, könnte man diese Tasse noch besser machen? So, dass man sich nicht die Finger verbrennt?»