Patriotischer Mohn

Garten

Urs Stieger
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«Schweizerkreuz-Mohn» (Bild: Urs Stieger)

«Schweizerkreuz-Mohn» (Bild: Urs Stieger)

Symbole haben ihre eigene Sprache und können auch individuell interpretiert werden. Nationalflaggen sind ja ein Konzen­trat von Merkmalen, die ein Land, ein Kanton hat oder die man zu haben glaubt.

Pflanzen und Blumen spielen hier eine wichtige Rolle. Schon Schilder und Banner der spät­mittelalterlichen Ritter waren mit Blumen oder Bäumen geschmückt. Das Rittertum stellte sogar ethische Verhaltensregeln auf, die als «Pluemen der Tugent» bezeichnet wurden. «Fiore di virtù» war das Vorbild, das der Dominikanermönch Gozzadini als Antwort auf den Zerfall der Sitten geschrieben hat.

Immer dann, wenn edle Eigenschaften symbolisiert wurden, kamen Blumen zum Zug. Französische Lilien symbolisieren den Anspruch der Monarchie, die der Legende nach, Glaube macht selig, einem König im frühen Mittelalter von einem En­- gel persönlich überreicht wurden. Das Liliensymbol ist heute noch gegenwärtig, von anachronistischen Königshäusern über den Jachtclub bis zum Fussballverein.

Wir Schweizer sind ja nicht so anfällig auf royalistisches Gehabe. Wenn dann schon einmal einer zum König gekürt wird, bekommt er als Emblem den von den Deutschen übernommenen Eichenkranz. Irgendwie hat im Garten der Mohn die Zeichen der Zeit erkannt und hat mutiert, d. h. er hat sich verändert. Er färbte sich um in ein klar erkennbares weisses Kreuz im roten Feld, umgeben vom Strahlenmeer mit Blütenstaub, gekrönt vom Zentrum des Fruchtstandes, der verdächtig nach Bundeshauskuppel aussieht. Was für ein Anblick! Das wäre doch wieder einmal ein Geschäft: Am 1. August blüht das Schweizerland in Rot-Weiss, an jeder Augustfeier sind die Tische dekoriert damit, die Blumenrabatten im Kiesbeet leuchten, statt Pelargonien glühen die Fensterbänke voller Schweizerkreuzmonde! Und der abgeblühte Mohn verteilt seine Samen, wie er sich gewohnt ist, überall, wo er will. Nächstes Jahr ist der Sommer hierzulande rot statt grün. An jeder Ecke wird sein Samen spriessen. Pippilotti könnte wieder einen teuren Film daraus machen und ihn in New York zeigen. Das «Morgenrot» vom Schweizer Psalm würde man sehen, wenn der Himmel dickverhangen wäre. Visionen! Leider funktioniert das wahrscheinlich nicht. Der flatterhafte Mohn wird nächstes Jahr anders aussehen, er wird wiederum mutieren. In unserem Garten hat er noch andere Kreuze gebildet. Ein Mohn hat ein mattschwarzes Kreuz auf fast weissem Grund. Der Regen hat den Blütenstaub noch in der Blume verteilt. Sie sieht etwas makaber, ja fast subversiv aus. Passt aber eher zur Grufty-Party als zum Nationalfeiertag

An den Reden am 1. August wird sicher wieder viel gehört von der Stabilität der Schweiz, eher selten von Visionen für das Land. Was uns zum Gartenglück fehlt, ist ein stabilisierter Schwei­zerkreuz-Mohn. Dann kommen die (Mohn-)Visionen ganz von alleine.

Urs Stieger

Berneck

www.u-stieger.com