Paarbeziehung ist ein Balanceakt

REGION. Er ist Philosoph, Theologe und Psychotherapeut: Felix Häne spricht über 30 Jahre Beratungsarbeit. «Früher fragte ich, welche Probleme haben die Leute. Heute suche ich mit ihnen nach Lösungen, zur Bewältigung einer Krise», sagt er.

Merken
Drucken
Teilen
«Mein ganzes Leben hat sich um Paarbeziehungen gedreht. Sei es in der Beratung oder als Ehemann», sagt Felix Häne. Er ist seit 30 Jahren Leiter der Ehe- und Familienberatung Rheintal. (Bild: Monika von der Linden)

«Mein ganzes Leben hat sich um Paarbeziehungen gedreht. Sei es in der Beratung oder als Ehemann», sagt Felix Häne. Er ist seit 30 Jahren Leiter der Ehe- und Familienberatung Rheintal. (Bild: Monika von der Linden)

Warum entschieden Sie sich, Felix Häne, vor drei Jahrzehnten für die Beratung von Menschen in Krisen?

Felix Häne: Ursprünglich wollte ich Priester werden. Als ich meine Frau kennenlernte, änderten sich meine Pläne.

Als Theologe leiten Sie eine Beratungsstelle?

Häne: Zunächst arbeitete ich als Pastoralassistent in Rorschach. Ich war einer der ersten verheirateten Theologen im Bistum St. Gallen. Bei einer nächtlichen Lektüre eines Werks von C. G. Jung entdeckte ich meinen Berufswunsch und bildete mich am C. G. Jung-Institut in Zürich zum Psychotherapeuten weiter.

Seit mehr als 30 Jahren erzählen Ihnen fremde Menschen von ihren Problemen. Ist das nicht eintönig?

Häne: Auch wenn mein Stuhl seit 30 Jahren derselbe ist: jede Begegnung mit Ratsuchenden ist einmalig. Ich frage mich immer wieder neu, ob und wie es mir gelingen wird, ihnen hilfreich zu werden.

Haben Sie die Seelsorge in der Pfarrei jemals vermisst?

Häne: Ich glaube, als Pastoralassistent wäre ich auf Dauer nicht gewesen. An der Beratungsstelle durfte ich immer auch Seelsorger sein und habe mich auch so verstanden. Ich konnte aber meine Rolle auf meine ganz persönliche Art und Weise gestalten.

Dürfen Sie als Katholik einem Paar zur Trennung raten?

Häne: Eine Krise ist Botschaft nötig gewordener Veränderung. Es gibt Paare, die finden in der Krise wieder zueinander. Es gibt auch jene, bei denen führt die Krise zur Trennung. Es ist durchaus eine kirchliche Aufgabe, Menschen bei einer menschenwürdigen Beendigung ihrer Beziehung zu begleiten.

Das überrascht mich. Raten Sie Paaren zur Trennung?

Häne: Ich habe nicht das Recht, einen Ratschlag zu geben. Das ist oft auch ein Schlag. Ich vermittelte, ich wüsste was gut für den Betroffenen wäre. Ich verstehe mich als Verstärker der inneren Stimme der Ratsuchenden.

Die Kirche besteht auf der Unauflöslichkeit der Ehe und ewiger Treue.

Häne: Treue zum Du und Treue zum Ich. Beides ist wichtig und gleichzeitig oft nicht möglich.

Können Ihre Klienten benennen, worum es bei Ihrer Auseinandersetzung geht?

Häne: Klienten präsentieren zunächst oft einen eskalierenden Streit. Ihm liegen wichtige Themen zugrunde, die aus der Balance, die in eine Schieflage gerieten. Diese Themen gilt es zu identifizieren.

Welche sind das?

Häne: Es geht in der Paarbeziehung immer um ein Gleichgewicht von Geben und Nehmen, sich durchsetzen und anpassen, von Bindung und Autonomie, von Vertrautheit und Fremdheit.

Beschreiben Sie das bitte näher.

Häne: Stimmt das Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen nicht, fühlt sich einer in der Partnerschaft ausgenutzt. Kann sich jemand nicht ausgewogen durchsetzen und anpassen, ist das Machtverhältnis gestört. Frauen haben eher Angst vor dem Mangel an Liebe. Männer befürchten oft, die Beziehung werde zu eng. Lust lebt vom Fremdsein, Geborgenheit von der Vertrautheit.

Es ist also immer ein Spannungsfeld vorhanden?

Häne: Ja, aber dieses ist bei jedem Paar unterschiedlich ausgeprägt. Einige können gut damit leben, wenn viele Wünsche unerfüllt bleiben. Für andere wird dies schnell unerträglich.

Ändern sich Menschen so stark, wenn sie in einer Beziehung leben?

Häne: Der Grund der Anziehung am Anfang der Beziehung erweist sich später oft als Grund der Krise. Gegensätze ziehen sich eben an. Was zunächst beim Partner als herrlich anders empfunden wird, ist Jahre später oft schrecklich anders.

Sind Paare heute schneller unglücklich als unsere Grosseltern?

Häne: Die Ehen unserer Grosseltern galten als unkündbar. Seither fielen viele gesellschaftliche Stützen weg. Weder wirtschaftliche noch religiöse und nicht die öffentliche Meinung halten heute eine Ehe zusammen. Deshalb ist sie viel brüchiger geworden.

Wie meinen Sie das?

Häne: Das Leben als Paar ist eine Kunst. Mann und Frau haben nur noch ihre Liebe. Diese zu bewahren bedarf eines Könnens: Achtsamkeit, Dialogfähigkeit, Wertschätzung, Respekt, gemeinsame Ziele und die Fähigkeit zur Vergebung.

Haben sich Ihre Methoden in den 30 Jahren gewandelt?

Häne: Der Ansatz in Beratung und Therapie hat sich verändert. Früher wollten wir herausfinden, welche Probleme die Klienten haben. Die Therapie war eher rückwärts ausgerichtet.

Wie ist es heute?

Häne: Heute suchen wir nach Lösungen, nach Wegen, wie wir Menschen aus ihrer Krise heraushelfen können.

Gab es eine Wechselwirkung zwischen Ihrem Beruf und Ihrer Ehe?

Häne: Ich war mir immer der Gefahr bewusst, ich könnte meinen Gesprächsbedarf durch meinen Beruf decken. Es gibt Therapeuten, die fast nur berufliche Beziehungen haben. Dies ist bei mir nicht so. Meine Arbeit kann und darf meine Beziehung nicht ersetzen. Dass ich in einer glücklichen Paarbeziehung lebe, macht mich dankbar und hat mich in meiner Arbeit in Altstätten ermutigt und inspiriert. Diese Tatsache hat sicher dazu beigetragen, dass ich nie den Glauben verloren habe, dass Partnerliebe auch auf Dauer möglich ist.

Interview: Monika von der Linden