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Bauer Peter Nüesch über Direktzahlungen an die Landwirtschaft: «Ohne sie ginge es heute gar nicht mehr»

Direktzahlungen machen einen erheblichen Anteil am Einkommen der Bäuerinnen und Bauern aus. Sie gleichen den Preiszerfall im weitgehend geöffneten Markt aus und gelten die Leistungen der landwirtschaftlichen Betriebe zugunsten der Allgemeinheit ab.

Max Tinner
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Am liebsten wären Peter Nüesch angemessene Preise, so dass Direktzahlungen gar nicht nötig wären.

Am liebsten wären Peter Nüesch angemessene Preise, so dass Direktzahlungen gar nicht nötig wären.

Bild: Max Tinner

Peter Nüesch bewirtschaftet zusammen mit seinem Bruder Mathias den Tratthof am Binnenkanal unterhalb der Drei Brücken. Der Hof mit einer Nutzfläche von 55 Hektaren ist hauptsächlich auf Milchwirtschaft ausgerichtet: 120 Kühe geben pro Jahr rund eine Million Kilogramm Milch. Als Präsident des kantonalen Bauernverbands hat Peter Nüesch aber auch die wichtigsten Kennzahlen der Schweizer Landwirtschaft im Ganzen im Kopf. Er kann aus dem Stegreif sagen, dass die landwirtschaftlichen Erzeugnisse, die die Schweizer Bäuerinnen und Bauern jährlich produzieren und die Dienstleistungen, die sie für die Allgemeinheit erbringen, gesamthaft einen Wert von über 11 Milliarden Franken haben (in den Statistiken ist diesbezüglich vom Produktionswert die Re­de). Davon zahlt über 2,5 Milliarden Franken nicht der Markt, sondern der Staat über Direktzahlungen.

Die Realität heute: Geringer Lohn, wenig Dank

Dies zeigt zweierlei: Zum einen machen die Direktzahlungen nicht so viel aus, als dass man die Landwirtinnen und Landwirte guten Gewissens «Staatsangestellte» schimpfen dürfte, wie böse Zungen es sich zuweilen herausnehmen. Zum anderen sind Direktzahlungen für die Bäuerinnen und Bauern dennoch wichtig. Ohne sie fiele ein beträchtlicher Teil ihres ohne­- hin nicht grad überwältigenden Einkommens weg. Der Bund hat den durchschnittlichen Vollzeit-Arbeitsverdienst pro Fa­milienarbeitskraft zuletzt auf 54600 Franken geschätzt.

Die Direktzahlungen sind eine Folge der schrittweisen Liberalisierung der Landwirtschaft ab den 1990er-Jahren. Davor hatte der Bund den Bauern die Preise für Milch und Getreide garantiert. Die Direktzahlungen sollten zum einen im nun weitgehend offenen Markt, der tiefere Preise zur Folge hatte, einkommensausgleichend wirken. Zum anderen sollen sie Leistungen der Bäuerinnen und Bauern zugunsten der Allgemeinheit abgelten. Grundlage dafür ist der Landwirtschafts­artikel (Art. 104) in der Bundesverfassung, der die zentralen Aufgaben der Landwirtschaft auflistet.

Für die Versorgung des Landes unverzichtbar

Dabei geht es um Landschaftspflege, nach wie vor aber auch um Versorgungssicherheit: Brotgetreide, Früchte, Gemüse, Zuckerrüben, Milch, Käse, Joghurt, Fleisch und noch so vieles mehr… Es sind die Bäuerinnen und Bauern, die auf ihren Äckern und mit dem Vieh in ihren Ställen die Ernährung der Bevölkerung sicherstellen. Natürlich – vieles kommt heutzutage auch aus dem Ausland. Aber gerade die Coronapandemie hat eindrücklich gezeigt, dass ein Land nicht zu sehr vom Ausland abhängig werden sollte.

Ohne landwirtschaftliche Ausbildung gibt’s kein Geld

Direktzahlungen bekommt allerdings nicht jeder, der eine kleine Wiese hat, einen Hag drumherum baut und eine Kuh drein stellt. Die Zahlungen sind an etliche Bedingungen geknüpft. So wird etwa vorausgesetzt, dass man eine landwirtschaftliche Grundbildung absolviert hat. Und im Besonderen sind alle Direktzahlungen (mit Ausnahme der Sömmerungsbeiträge) an ein Minimum ökologischer Leistungen gekoppelt. Dazu gehört auch, dass mindestens sieben Prozent der Nutzfläche eines Betriebs Biodiversitätsförderflächen sein müssen.

Ökologie auf mindestens sieben Prozent der Fläche

Dazu zählen beispielsweise extensiv genutzte Wiesen und Weiden, Streueflächen, Hecken, Buntbrachen, Blühstreifen, Ackerschonstreifen, Hochstammfeldobstbäume, Trockenmauern oder manches andere mehr. Jeder Betrieb, der Direktzahlungen ausbezahlt bekommt – «und das ist nahezu jeder» sagt Peter Nüesch –, tut also auf einem erheblichen Teil seiner Nutzfläche schon etwas für die Artenvielfalt. «Die Bauern tun viel für die Natur – sie sind nicht die Umweltsünder, als die sie heute von manchen so gern hingestellt werden», fügt Nüesch mit Nachdruck an.

Nur Direktzahlungen: Das möchte kaum ein Betrieb

Die Bandbreite an Direktzahlungen ist dermassen breit, dass praktisch jeder Betrieb mehrere Arten beansprucht. Das gilt auch für den Tratthof der Brüder Nüesch. Lediglich Kulturlandschaftsbeiträge beziehen sie keine. Den Betrieb ganz auf Direktzahlungen ausrichten werde hingegen kaum ein Betrieb. Die Betriebsstruktur lasse sich nicht beliebig umbauen. Entscheide würden langfristig gefällt, Investitionen in Maschinen und vor allem in Bauten für eine ganze Generation getätigt, erklärt Nüesch. Deswegen hätten auch viele Bauern Mühe mit der Tendenz der Politik, mehr und mehr in die unternehmerische Freiheit der Landwirtinnen und Landwirte einzugreifen. «Viele fühlen sich zunehmend fremdbestimmt», sagt Nüesch. Er kann es ihnen nachfühlen. «Wenn es wenigstens nur alle zehn Jahre zu Reformen käme», meint er, «aber in der Schweiz wird die Agrarpolitik alle vier Jahre überarbeitet.»

Stimmt etwas nicht, drohen happige Sanktionen

Komme dazu, dass man heute über alles detailliert Buch führen müsse. Das mache man zwar mittlerweile fortlaufend, nehme unterm Strich aber doch etwa zwei Stunden pro Woche in Anspruch. Und wehe, etwas stimme bei einer – oft unangemeldeten – Kontrolle nicht, meint Nüesch: «Dann gibt’s nicht nur einen Rüffel – es drohen Sanktionen, die gehörig ins Geld gehen können.»

Besser als Direktzahlungen wären angemessene Preise

Sind Direktzahlungen also Segen oder Fluch? Sowohl als auch: «Am liebsten hätte ich einen angemessenen Preis für meine Produkte, damit ich auf sie verzichten könnte», sagt Peter Nüesch. Er sagt es aber deutsch und deutlich:

«Wenn man nicht grad eine ganz spezielle Nische besetzt hat, geht es heute ohne Direktzahlungen gar nicht mehr.»

Und die vielen gemeinwirtschaftlichen Leistungen, die der ganzen Gesellschaft zugutekommen, würde der Markt ebenfalls nicht abgelten.

Die wichtigsten Direktzahlungen

Kulturlandschaftsbeiträge haben den Erhalt einer offenen Landschaft zum Ziel: Der Offenhaltungsbeitrag wird für Flächen im Hügel- und Berggebiet ausbezahlt, damit Flächen nicht verbuschen oder verwalden. Für Hang- und Steillagen gibt es zusätzliche Beiträge. Auch Alpungs- und Sömmerungsbeiträge fallen hierunter.

Versorgungssicherheitsbeiträge gewährleisten die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln. Der Basisbeitrag stellt eine Grundproduktion sicher. Mit dem Beitrag für die offene Ackerfläche und für Dauerkulturen wird die Stützung dieser Flächen gegenüber dem Grünland erhöht. Erschwerte Bedingungen in Berg- und Hügellagen werden durch den Produktionserschwernisbeitrag ausgeglichen.

Biodiversitätsbeiträge sollen Lebensräume erhalten helfen und die Artenvielfalt fördern. Biodiversitätsförderflächen werden dazu mit Qualitätsbeiträgen und mit Vernetzungsbeiträgen gefördert. An letzteren beteiligen sich neben dem Bund auch Kantone, Gemeinden oder private Trägerschaften.

Landschaftsqualitätsbeiträge fördern projektbezogen die Vielfalt regionaler Kulturlandschaften wie zum Beispiel Waldweiden, Kastanienselven oder den Bergackerbau. Ein solches Landschaftsqualitätsprojekt gibt es auch für das Gebiet zwischen Lienz und Altenrhein: Geld gibt es hier unter anderem für Feldgehölze, Hochstammobstbäume, Blumenstreifen und Trockensteinmauern.

Produktionssystembeiträge sind der Beitrag für die biologische Landwirtschaft, der Extenso-Beitrag für die extensive Produktion von (u. a.) Getreide, Sonnenblumen oder Raps, der GMF-Beitrag für die graslandbasierte Milch- und Fleischproduktion und die Beiträge für besonders tierfreundliche Stallhaltungssysteme (BTS-Beitrag) und für den regelmässigen Auslauf ins Freie (RAUS-Beitrag).

Quellen: Agridea (Wirz Handbuch) und Bundesamt für Landwirtschaft (www.blw.admin.ch)

Hinweis
Wer sich seinen eigenen Bauernhof ausdenkt, kann sich von www.agripedia.ch/focus-ap-pa/de/ einen Beitragsrechner herunterladen und ausrechnen, wie viel an Direktzahlungen er bekäme – und dabei selbst erleben, wie komplex das System ist.

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