«Oh, ein Licht mit Nägeln»

In der Osternacht feiern viele Christen die Auferstehung Jesu Christi. Zu dem Anlass feiern sie den Gottesdienst tief in der Nacht, um dort ein Feuer anzuzünden und ihre Osterkerze in die Kirche zu tragen. Es gibt an vielen Orten den Brauch, fünf Wachsnägel in die Osterkerze hineinzudrücken.

Carsten Wolfers Diakon In Widnau
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Auf der Osterkerze ist der auferstandene Christus dargestellt. (Bild: Archiv/Monika von der Linden)

Auf der Osterkerze ist der auferstandene Christus dargestellt. (Bild: Archiv/Monika von der Linden)

In der Osternacht feiern viele Christen die Auferstehung Jesu Christi. Zu dem Anlass feiern sie den Gottesdienst tief in der Nacht, um dort ein Feuer anzuzünden und ihre Osterkerze in die Kirche zu tragen. Es gibt an vielen Orten den Brauch, fünf Wachsnägel in die Osterkerze hineinzudrücken. Dazu wird gebetet: «Christus, gestern und heute, Anfang und Ende, Alpha und Omega. Sein ist die Zeit und die Ewigkeit. Sein ist die Macht und die Herrlichkeit in alle Ewigkeit. Durch seine heiligen Wunden, die leuchten in Herrlichkeit, behüte und bewahre uns Christus, der Herr.»

Natürlich erinnern die fünf Nägel an die fünf Wundmale Jesu – an Händen, Füssen und Seite. Und obwohl mir die Symbolik bekannt und der Ritus faszinierend vorkommt, frage ich mich, warum diese Nägel in die Kerze hineingedrückt werden.

Denn selbstverständlich ist das nicht. Es gibt andere Bräuche, wie zum Beispiel fünf Weihrauchkörner, als Ausdruck der Anbetung, in die Kerze zu drücken. Es gibt andere Motive, wie zum Beispiel den auferstandenen Christus oder den Lebensbaum, Bilder, die auf noch ältere Traditionen der Kirche zurückgreifen und nicht nur bis auf das neunte Jahrhundert, als die Nägel aufkamen. Die Nägel erinnern eben sehr stark an den Karfreitag. Muss ich aber an den Tod Jesu erinnern, um seine Auferstehung zu feiern? Durchaus, wenn Christen doch glauben, dass Jesu Tod nötig war, um das Tor zum Leben neu aufzustossen. Darum sprecht das Gebet von den heiligen Wunden, die leuchten voller Herrlichkeit.

Wenn Jesu Leiden und Tod exemplarisch verstanden wird als Leiden und Tod eines jeden Menschen, dann mag sein Auferstehen als ebenso exemplarisch verstanden werden. Damit sind die Nägel ein Symbol für jedes Menschen Leid und Tod, wie das Osterlicht das Symbol für jedes Menschen Auferstehen ist. Beides zu verbinden erzeugt diese Weite, dass mein Leid nicht einfach vergessen wird, sondern im göttlichen Licht zu leuchten beginnt. Dieser Glaube will mir helfen, die eigenen Schmerzen, die Krankheiten, die Ungerechtigkeiten mit göttlicher Hoffnung zu verbinden. Mir gefällt die Vorstellung, dass jegliches Leid, das ich in meinem Leben erfahre, irgendwann vor Gott gleichsam zu leuchten beginnt.

Diese Weite wird erst recht ausgefaltet durch die Gebetsworte, die gesprochen werden, wenn die Nägel in das Wachs gedrückt werden. Die österliche Hoffnung verbindet sich mit dem Glauben, dass Jesus schon immer dieses Licht gewesen ist und immer sein wird. In guter biblischer wie theologischer Tradition wird gebetet, dass Gott diesen grossen Rahmen aufspannt, in dem das Leben schlechthin geborgen ist. Der Gott von allem, der am Anfang wie am Ende dieser Welt steht, der als Ursprung des Lebens wie dessen Fülle fungiert, ist ein Licht, in dem sich jegliches Leid verklärt. Ostern ist dann das Fest, an dem dieses göttliche Licht zu brennen beginnt und die Wunden zu leuchten beginnen.

Bischof Klaus Hemmerle erzählte in seinen Betrachtungen von einem Kind, das beim Anblick einer Osterkerze einmal rief: «Oh, ein Licht mit Nägeln!» Das ist vielleicht ein sehr schöner Ausdruck dafür, was Christus für Christen sein will und was Ostern bedeutet.

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