OBERRIET: «Man muss aktiv bleiben»

Wenn heute Mittag das Freibad Bildstöckli schliesst, wird Harro Hunziker einer der Rekord-Besucher sein. 115 Mal stieg der 86-Jährige diese Saison um 9 Uhr morgens ins Wasser – egal bei welchen Temperaturen.

Cécile Alge
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Der 86-jährige Harro Hunziker kann in diesem Jahr nur im Nichtschwimmerbecken seine Runden drehen – seiner guten Laune tut dies jedoch keinen Abbruch. (Bild: Cécile Alge)

Der 86-jährige Harro Hunziker kann in diesem Jahr nur im Nichtschwimmerbecken seine Runden drehen – seiner guten Laune tut dies jedoch keinen Abbruch. (Bild: Cécile Alge)

OBERRIET. Seit der Eröffnung im Mai ist Harro Hunziker wenn immer möglich um Punkt 9 Uhr im Bildstöckli anzutreffen. Im dunkelblauen Adidas-Trainer, die Badehose darunter bereits angezogen, geht er zielgerichtet in die Umkleidekabine, um sich kurz danach unter die kalte Dusche zu stellen und dann seine Runden im Becken zu drehen. Harro Hunziker gehört zum harten Kern der Morgenschwimmer. Das wäre nicht so aussergewöhnlich, aber er ist mit stolzen 86 Jahren der älteste in der Runde.

Es ist ein herrlicher Anblick, wie er mit seiner stylischen Pilotenbrille ins kühle Nass steigt und im Nichtschwimmerbecken seine Runden geht. «Leider kann ich diese Saison nur zu Fuss im Wasser gehen, seit meinen Unfällen im letzten Jahr schmerzen meine Hüften beim Schwimmen», erklärt Hunziker. Zwei Mal hatte der bis dahin stattliche und fitte Mann Pech. Er stürzte letzten Sommer im Tessin mit seinem Motorrad – er fuhr stets eine 1000er-Moto-Guzzi. Nur zwei Wochen später riss ihn seine Frau Valerie, ebenfalls 86-jährig, bei einem Treppensturz mit, worauf beide im Spital landeten.

Glück im Unglück für Harro Hunziker

Seine Frau konnte danach nicht mehr nach Hause, wird seither im Altersheim Feldhof gepflegt. Er selbst hatte Glück im Unglück, brach sich nichts. Trotzdem haben die Unfälle Spuren hinterlassen. Doch der 86-Jährige ist ein Optimist. Er schmiedet bereits Pläne für die nächste Badesaison. «Ich werde mir eine Aquafit-Weste kaufen, dann kann ich wieder ins Schwimmerbecken wechseln.» Übrigens: Harro Hunziker lässt sich seinen Morgenschwumm durch kein Wetter vermiesen, denn seine Motivation ist: «Man muss immer aktiv bleiben – egal was kommt.»

Der 86-Jährige war sein Leben lang ein aktiver Mensch. Reiselustig, interessiert, aufgeschlossen. Er hat viel erreicht, obschon er in kargen Verhältnissen aufgewachsen ist. «Wie es halt so war damals, man kannte nichts anderes», sagt er pragmatisch. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er im Schwarzwald. Der Dialekt und die Verbundenheit dorthin sind bis heute geblieben. Jeden Monat fährt er mit dem Auto in die einstige Heimat, wo er verbliebene Schulkollegen und Verwandte besucht.

In die Schweiz kam Harro Hunziker mit 19 Jahren. Um die RS zu absolvieren. «Das hat mein Vater irgendwie übers Konsulat in die Wege geleitet, denn ich war – wie der Name verrät – Auslandschweizer. Und Vater wollte, dass ich hier ein gutes Leben habe.»

Beim Erzählen aus der Vergangenheit werden Erinnerungen wach. Zum Beispiel an die einsamen Wochenenden in der Kaserne, denn er hatte keine Verwandten hier und nach Hause reisen konnte er übers Wochenende auch nicht: «Mit zwei Franken Sold lag das nicht drin.» Er habe lange Spaziergänge gemacht und sich auch mal über einen Kuchen gefreut, den ihm seine Mutter geschickt hatte.

Später machte er bei einem Bauern Landdienst, danach eine Lehre als Werkzeugmacher. Er arbeitete bei der ABB in Baden, später bei der Schuhfabrik Bally. Knapp 40-jährig zog Harro Hunziker mit seiner Familie nach Oberriet und nahm eine Stelle bei Jansen an. In der Betriebsleitung blieb er bis zur Pensionierung.

Seine Frau besucht er jeden Tag

Sein Ruhestand gab schliesslich den Ausschlag für das Morgenschwimmen (im Winter turnt er). Nun dreht er jeden Tag seine Runden im Bildstöckli – pro Saison weit über 100 Mal. Nach jedem Schwumm wird in der Badi Kaffee getrunken und geplaudert.

Danach steht der Haushalt an. Nur zwei Stunden pro Woche lässt sich der 86-Jährige helfen, den Rest macht er selber: Kochen, putzen, einkaufen. Neben dem Morgenritual hat Harro Hunziker noch eines, am Nachmittag: Dann besucht er seine demente Frau Valerie im «Feldhof» – jeden Tag, wenn immer möglich.