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OBERRIET: Fressen Milane Hunde?

Am Rheindamm soll sich ein Rotmilan einen Kleinhund gegriffen haben und in Montlingen ebenfalls ein solcher Greifvogel ein Zuchthühnchen. Letzteres stimmt nachweislich nicht, das andere wohl ebenso wenig.
Max Tinner
Hat es eher auf Mäuse abgesehen als auf Hunde: Rotmilan bei Hinterforst. (Bild: Max Tinner)

Hat es eher auf Mäuse abgesehen als auf Hunde: Rotmilan bei Hinterforst. (Bild: Max Tinner)

Max Tinner

Ein schöner Sommernachmittag in Oberriet. In einem Garten sitzen einige Frauen beieinander und schauen ihren Kleinhun­- den beim Spielen zu. Plötzlich schrickt eine der Frauen auf, rennt auf den Rasen hinaus und schreit, mit den Armen gegen den Himmel fuchtelnd, Zeter und Mordio. Einige der andern Frauen blicken hoch, sehen einen Rotmilan kreisen und tun es ihr nach. Die andern bleiben perplex sitzen. Auch die Hunde halten im Spielen inne und schauen verdutzt zu ihren Frauchen hinüber.

Tage zuvor war eine der Frauen mit ihrem Hund am Rheindamm spazieren. Ein anderer Spaziergänger warnte sie. Sie solle auf ihren Hund acht geben. Letzthin habe sich hier ein Rotmilan einen solchen Kleinhund geholt. Bestätigen liess sich dies allerdings nicht. Die Rückverfolgung der Information endet an einem Wirtshaustisch, wo man davon erzählt habe. Erzählt wird auch, ein Milan habe sich in Montlingen im Gehege eines Geflügelzüchters bedient und sich ein Seidenhühnchen geholt. Besagter Züchter verneint dies aber: Er sei weder von einem Rotmilan noch von sonst einem Greifvogel geschädigt worden.

Auch kleine Hunde zu schwer für einen Milan

Der Rotmilan (auch Gabelweihe genannt) ist nach dem Bartgeier und dem Steinadler der drittgrösste einheimische Greifvogel. Wählerisch ist er nicht gerade. Sein Nahrungsspektrum reicht laut Michael Schaad von der Schweizerischen Vogelwarte in Sempach vom Regenwurm und Insekten über Fische, Frösche und Eidechsen bis zu Vögeln und Kleinsäugern. Der Rotmilan verschmähe aber auch Aas und Essensreste im Abfall nicht. Bekannt sei auch, dass in Schottland und Spanien Wildkaninchen Teil seiner Nahrung sind. Allerdings könne er mehr als ein Kilo schwere Tiere nicht forttragen. Michael Schaad hält es darum für un­wahrscheinlich, dass sich am Rheindamm ein Rotmilan einen Hund geholt hat. Reto Zingg von der Schweizerischen Stiftung für Vogelschutzgebiete wiederum schliesst nicht aus, dass weniger ein Milan, aber ein Steinadler aus dem Alpstein dies bei guter Gelegenheit täte.

Bestand hat schweizweit stark zugenommen

Der Rotmilan hat sich in den letzten Jahrzehnten stark ausgebreitet, nachdem es Ende der 1960er-Jahre schweizweit nur noch geschätzte 90 Brutpaare gab. Heute dürften es über 1500 sein. Auch im Rheintal sieht man den Rotmilan häufig. Manche sind sogar der Meinung, nirgendwo in der Schweiz gebe es auf ähnlich grossem Raum so viele wie in der Gegend von Oberriet und Eichberg. Die Vogelwarte kann dies allerdings nicht bestätigen. Die Zählungen der letzten Jahre hätten keinen Verbreitungsschwerpunkt im Oberrheintal ergeben, sagt Michael Schaad. Verbreitungsschwerpunkte lägen mehr im zentralen und östlichen Mittelland. Genaue regionale Bestandesschätzungen gebe es aber noch keine.

Dennoch nerven die Schreie der Vögel manche Leute in Oberriet und Umgebung mittlerweile dermassen, dass sie eine Dezimierung der Rotmilane fordern. Für die Vogelwarte kommt dies nicht in Frage. Michael Schaad erinnert daran, dass alle in der Schweiz brütenden Greifvögel und deren Bruten jagdrechtlich geschützt sind. Es wäre den Kantonen lediglich erlaubt einzu­greifen, falls Vögel grossen Schaden anrichten oder eine erhebliche Gefahr darstellen würden. «Theoretisch», betont Schaad, «denn aus unserer Sicht wäre dies keinesfalls zu rechtfertigen – der Rotmilan verursacht weder einen Schaden, noch stellt er eine Gefahr dar.»

Der Schweizer Rotmilan-Brutbestand sei ausserdem zunehmend von internationaler Bedeutung, weil in vielen Regionen Europas die Vorkommen rückläufig sind. Die Vogelwarte hat ein Projekt gestartet, um zu erforschen, welche Faktoren zur Bestandeszunahme in der Schweiz geführt haben.

Hinweis

Mehr zum Forschungsprojekt der Vogelwarte auf www.vogelwarte.ch/de/vogelwarte/news/avinews/april-2016/rotmilan

Ein Adler wäre dazu in der Lage

Möglicherweise geht das Gerücht, dass ein Rotmilan am Rheindamm einen Hund gegriffen hat, zurück auf einen Vorfall, der sich 2005 in der Gegend des baden-württembergischen Heilbronn tatsächlich ereignet hat. Dort hat ein aus einer Greifvogelwarte entwichener Zucht-Steinadler den Dackel eines Jägers angegriffen. Er hätte es besser nicht getan: Der 70-jährige Mann drosch mit seinem Spazierstock auf den Vogel ein. Der Adler erlag Tage später den Verletzungen.

Den Jäger kam dies teuer zu stehen. Über 15000 Euro blechte er nach einem längeren Rechtsstreit in einem Vergleich mit der Zuchtstation. (mt)

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