NIEMANDSLAND: Marcel Adolf wurde in Texas zum Ehrenbürger - weil er dort war

Abilene in Texas zählt immerhin 120'000 Einwohner. Doch Sprachaufenthalter gibt es dort in der Regel keine. Das bekam ein Rheintaler zu spüren: Erst weckte er das Interesse des Bürgermeisters, kurz darauf wurde ihm die Ehrenbürgerschaft verliehen.

Remo Zollinger
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Weil Marcel Adolf keinen zweiten Vornamen hat, steht da Berneck: Es ist ein liebenswürdiger Schönheitsfehler auf einem sehr ungewöhnlichen Feriensouvenir. (Bild: Remo Zollinger)

Weil Marcel Adolf keinen zweiten Vornamen hat, steht da Berneck: Es ist ein liebenswürdiger Schönheitsfehler auf einem sehr ungewöhnlichen Feriensouvenir. (Bild: Remo Zollinger)

Remo Zollinger

Die USA gehören zu den beliebtesten Reisezielen der Schweizer. Die Weltoffenheit New Yorks, der Glamour von Los Angeles, die funkelnden Lichter von Las Vegas oder die Strände Floridas ziehen sie in den Bann. Deutlich weniger Schweizer – oder: Touristen allgemein – verschlägt es nach Texas. Und die, die den Lone Star State besuchen, bleiben eher nicht in Abilene.

Marcel Adolf schon. Drei Monate lang. Der 27-Jährige hat einen Sprachaufenthalt gemacht, in dem ihm eine besondere Freude zuteil wurde: Der Bürgermeister Abilenes ernannte ihn zum Ehrenbürger. Und dies nur, weil Marcel Adolf überhaupt dort war.

Mit der Schrotflinte gegen Klapperschlangen

Nach Abilene kam der Schweizer, weil er beim Freund der Tante wohnen konnte, der vor zehn Jahren ausgewandert ist. Er lebt auf dem Land, 45 Kilometer von Abilene entfernt, wo die Leute schon mal mit der Schrotflinte auf Klapperschlangen schiessen, weil sie den Häusern und ihren Bewohnern zu nahe kommen. Und es eine fünfminütige Autofahrt braucht, um den Nachbarn zu besuchen.

Kein Zweifel, Marcel Adolf erlebte die Vereinigten Staaten wie man es aus Filmen kennt. «In Abilene fand während meines Aufenthalts ein Western-Fest statt. Es war faszinierend: Alle trugen Cowboystiefel, Hüte, es gab Rodeos und Trucks. Genau so stellt man sich Texas vor», erzählt der Bernecker. Das volle Programm der Westernklischees.

Weniger Klischees bediente Marcel Adolfs Schule. Die drei Monate Englisch machte er bei einer pensionierten früheren Lehrerin der Christlichen Universität Abilene, die ihn unterrichtete. Zwei Monate lang war Marcel Adolfs Cousine aus St.Margrethen dabei, einen Monat lang unterrichtete die Tutorin ihn ganz allein. Da waren keine Horden junger Schweizer, die nach ihrer Lehre für drei Monate nach Australien reisen und dort meist unter sich sind. Die Lehrerin war mehr als eine Lehrerin: Sie lud den Bernecker an ein Familienfest nach New Mexico ein und in Abilene stellte sie ihm den Bürgermeister mit deutschen Wurzeln, Norm Archibald, vor.

Der Bürgermeister war begeistert vom Besuch

Der Republikaner war angetan vom Mitglied der Jungen SVP, seinem Besuch in Texas und seinem Interesse für Politik. Marcel Adolf sagt: «Ich dachte, ich würde ihn mit Fragen löchern. Das Gegenteil war der Fall, so fasziniert war er von der Schweiz und davon, dass ich Abilene besuchte.»

Ein Indiz dafür, dass dies nicht allzu viele tun. Die 120000 Einwohner zählende Stadt versteckt sich 300 Kilometer westlich der Metropole Dallas im Landesinneren, ein wenig im Niemandsland. Mit zwei Kinos, einigen Einkaufsläden und der grossen City Hall, wo regelmässig überwiegend religiöse Aufführungen stattfinden, ist das Zen­trum hübsch, aber überschaubar. Der Rest der Stadt besteht aus Einfamilienhäusern, an den Siedlungsrändern beginnt die grüne, endlos scheinende Prärie.

Das Geschenk war die Ehrenbürgerschaft

Norm Archibald und Marcel Adolf verstanden sich auf Anhieb prächtig. So gut, dass der Bürgermeister ihn zu einer Sitzung des Stadtrates einlud und ihm ein Geschenk in Aussicht stellte. «Ich hätte nie mit dem gerechnet, was dann kam: Ich wurde in die Mitte gerufen und erhielt eine Urkunde», sagt der Rheintaler. Sie bezeugt, dass er zum Ehrenbürger von Abilene ernannt wurde. Dass auf der Urkunde sein Wohnort Berneck anstelle seines Nachnamens steht, ist höchstens ein Schönheitsfehler. Marcel Adolf fühlte sich überrumpelt, aber geehrt – das muss er nicht mal erzählen, das sieht man ihm an.

Als Ehrenbürger Abilenes hat der Bernecker seinen USA-Aufenthalt mit einer einmonatigen Reise abgeschlossen. Besonders aufgefallen sind ihm dabei der lockere Bezug der Amerikaner zu Waffen, ihre Hilfsbereitschaft und der grosse Respekt, den sie ihren Soldaten und Polizisten entgegenbringen. Eine amerikanische Eigenart wünscht Marcel Adolf sich auch von den Schweizern: «Es würde uns guttun, auch mehr zu unseren Überzeugun­-gen zu stehen, mehr zu hinterfragen und selbstbewusster aufzutreten.»