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Niemand, der nicht schon einmal gescheitert ist

Aus christlicher Sicht
Manuela Schäfer
Alexis Sorbas und sein Freund tanzen weiter, trotz Misserfolg. (Bild: Alexis Sorbas GR/USA 1964)

Alexis Sorbas und sein Freund tanzen weiter, trotz Misserfolg. (Bild: Alexis Sorbas GR/USA 1964)

In Hunderten Städten in der ganzen Welt haben sie schon statt­gefunden, sogenannte Fuckup­-Nights, also Versagens-Abende. Lassen Sie sich vom vulgären Titel nicht gleich abschrecken. Es lohnt sich (wie so oft) genauer hinzuschauen. Bei dieser Veranstaltung erzählen Geschäftsleute vor Publikum, wie sie gescheitert sind. Alle haben diese eine Gemeinsamkeit: Sie wollten ein Unternehmen gründen, ein Projekt verwirklichen, und sie sind damit gescheitert. Tragisch und komisch stelle ich mir diese Erzählungen vor.

Warum tun sich Menschen das in unserer erfolgsorientierten Gesellschaft an, von ihren Pleiten, Pech und Pannen zu erzählen? Und warum hören sich andere das an, aus Schadenfreude etwa?

Oft habe ich genug davon, von den glänzenden Leistungen mancher Mitmenschen zu hören, die in den schillerndsten Farben und in epischer Breite dargestellt werden. Denn ich weiss von mir selbst und anderen, dass das oft nur die Fassade ist. Von den unzähligen Fehlversuchen, dem Schweiss und den Tränen, die fliessen, bevor etwas gelingt, wird geschwiegen. Doch am Wichtigsten und auch am Lehrreichsten für uns sind meist doch die Zeiten, in denen etwas schief gegangen ist. Wenn jemand den Mut aufbringt, offen auch davon zu erzählen, bringt uns diese Ehrlichkeit einander näher. Denn unter uns ist niemand, der nicht scheitert. Und wir lernen voneinander: Jeder, der verliert, kann auch wieder gewinnen. Jede, die hinfällt, kann auch wieder auf­stehen. «Hast du jemals etwas so schön zusammenbrechen sehen?», fragt Alexis Sorbas, Held aus Nikos Kazantzakis berühmtem gleichnamigen Roman. Die Seilbahn, die er in wochenlanger Arbeit gebaut hat, ist in sich zusammengestürzt. Aber er tanzt weiter.

Auch die Bibel ist voll von solchen Geschichten mit Verlierertypen. Wie wir scheitern sie an menschlichen Unzulänglichkeiten, an widrigen Umständen und Gottes Geboten. Aber Gott lässt sie nicht fallen, sondern startet mit ihnen einen Neuanfang, immer wieder. Gottes Liebe kann ich nicht an meinem Besitz, meiner Gesundheit oder meinem Erfolg im Leben ablesen. Ich bemerke sie daran, dass Gott in allen Situationen zu mir hält. Davon weiss auch Paulus: «Denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.» (2. Kor 12, 10)

Das Erstaunliche ist, dass unsere grösste Wunde, unsere tiefste Scham, unsere schlimmsten Fehler auch ein kostbares Geschenk sein können.

Manuela Schäfer

Pfarrerin in Berneck

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