Niederlage der Favoritin

BERN. Die EM-Titelverteidigerin Jolanda Neff ist beim Heimrennen in Bern als Vierte der U23-Kategorie leer ausgegangen. Die 20-jährige Mountainbikerin bleibt bei Titelkämpfen in der Schweiz ohne Fortune.

Yves Solenthaler
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Nationale Aufmerksamkeit: Jolanda Neff trat an der U23-Europameisterschaft als Titelverteidigerin und Favoritin an – und musste sich schliesslich mit dem vierten Platz begnügen. (Bild: Yves Solenthaler)

Nationale Aufmerksamkeit: Jolanda Neff trat an der U23-Europameisterschaft als Titelverteidigerin und Favoritin an – und musste sich schliesslich mit dem vierten Platz begnügen. (Bild: Yves Solenthaler)

Die ersehnte Goldmedaille im Cross Country entschwand bereits am letzten Aufstieg der zweiten Runde, als die Ukrainerin Jana Belomoina (letztes Jahr hinter Neff WM-Zweite) am Ende des letzten Aufstiegs angriff und die Thalerin sofort distanzierte. Wenig später konnte die Schwedin Jenny Rissveds zu Neff aufschliessen. Die beiden fuhren eine Weile gemeinsam um den Gurten. Im vorletzten Umgang fuhr die Eliminator-Europameisterin vom Freitag aber davon, und auch die Deutsche Helen Grobert kam noch an der Thalerin vorbei.

Nach 1:23:04 Stunden kam Jolanda Neff somit lediglich als Vierte ins Ziel – zweieinhalb Minuten nach Belomoina.

Gefasster als vor zwei Jahren

Dasselbe Schicksal war Neff bereits vor zwei Jahren an der Heim-WM in Champéry widerfahren – damals trat sie noch als Juniorin bei den Favoritinnen an, und musste ebenfalls mit der ledernen Medaille vorliebnehmen.

Die Erinnerung an diese Niederlage führt die Veränderung von Jolanda Neff vor Augen: War sie im Unterwallis noch wie ein Häufchen Elend im Schatten der Stahlrohrtribüne gesessen, wirkte sie diesmal viel gefasster. Neff gratulierte den Konkurrentinnen, «deren Stärke ich vor dem Rennen nicht richtig einschätzen konnte». Sie erklärte ihr Vorhaben, das nicht neu ist: Die stärkste Technikerin im Feld wollte die Differenz in den Abfahrten legen: «Dann machte mir die Hitze zu schaffen.» Später genoss sie mit Familie und Freunden noch eine Weile den Vorabend auf dem Gurten: «Ich bin enttäuscht, aber ich muss mir nichts vorwerfen: Ich habe gekämpft. Drei andere waren an diesem Tag einfach besser.» Auch in der U23 ist Neff an einem schlechten Tag verwundbar: «Das Niveau ist ebenfalls beachtlich.» Es wird noch steigen: Rissveds und Grobert sind ein Jahr jünger als Neff. Nicht nur Jolanda Neffs Veränderung gegenüber 2011 ist augenscheinlich, auch die veränderte öffentliche Wahrnehmung fällt auf. Sie war die Favoritin. Die Schweizer – bis dahin mit vielen Medaillen, aber keiner goldenen – erwarteten die erste Europameisterin. Nach dem Rennen gruppierten sich die Schweizer Journalisten um sie, für die nur ein Platz dahinter liegende Andrea Waldis interessierte sich keiner.

Sie hat nationale Aufmerksamkeit erregt in einer Sportart, die in der Schweiz mit dem Zugpferd Nino Schurter medial stärker beachtet wird als noch vor einigen Jahren. Bei den Frauen ist Neff bereits jetzt die gemäss Weltrangliste beste der Schweiz. Das hat ihr das Erlebnis Team Relay auf dem Bundesplatz eingetragen – auf den Eliminator-Sprint musste sie deshalb allerdings schweren Herzens verzichten.

Weltklasse im Cross Country

Neff hat schon drei Goldmedaillen von Titelkämpfen zu Hause (zweimal EM, einmal WM) – sie verkörpert Weltklasse in einer olympischen Disziplin. Das ist das Brutale am Sport: Die Meriten zählen im Jetzt nichts. Die Kehrseite davon kommt Jolanda Neff nun zugute: Nach einer Niederlage folgt bis zum Karrierenende – und das ist bei einer 20-Jährigen noch fern – das nächste Rennen, die nächste Chance. sport 35