Naturgrundlage nicht weiter schädigen

Einer der Hauptaspekte des Rhesi-Projekts ist die Kontroverse um den Verlust von Landwirtschaftsland zugunsten eines verbreiterten Rheins. Zu diesem Thema meldet sich nun sogar die Schweizerische Vereinigung Industrie und Landwirtschaft (SVIL) zu Wort.

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Die SVIL wurde 1918 als Folge der Ernährungskrise gegründet, als wegen des Ersten Weltkriegs (nach dem Zusammenbruch des Freihandels) 150 000 Tonnen Lebensmittel fehlten. Die SVIL will gemäss Leitbild «einen Beitrag leisten zur Förderung der nachhaltigen Entwicklung unserer Lebensgrundlagen». Ihrem Vorstand gehören unter anderem der Wirtschaftswissenschaftler und Buchautor Hans Christoph Binswanger an (Institut für Wirtschaft und Ökologie, St. Gallen) sowie – als Geschäftsführer – der Zürcher Raumplaner Hans Bieri.

Wer A sagt, muss auch B sagen

Die SVIL schreibt, Gewässerkorrektion und Gewinnung von Landwirtschaftsland seien siamesische Zwillinge. Sie bedingten einander. Man könne Landwirtschaftsland nur gewinnen, wenn man den Raum der breit über die Talböden mäandrierenden Gewässer einengt. Sobald man aber in den Gewässerverlauf eingreife, werde man ein Problem nicht mehr los: Das Geschiebe- und Hochwasserproblem, das sich auf engerem Raum abspiele, plage die Menschen mit immer neuen Schäden, die «als Folge der Einengung des ursprünglichen, auf den ganzen Talboden ausgeweiteten Gewässeraumes nun räumlich konzentrierter und somit heftiger anfallen». Deshalb müsse die Gewässerführung, hat man einmal eingegriffen, ständig begleitet werden. Des Weiteren folgt nun im Gebiet des gewonnenen Landwirtschaftslandes eine neue Siedlungstätigkeit, die die alten sicheren Standorte verlässt und die neuen Gebiete als sicher betrachtet.

Aber so sicher waren diese Verbauungen, alle mit Schaufel und Pickel errichtet, eben nicht. Denn je mehr die Gewässer räumlich eingeschränkt wurden, umso grösser war der Schaden bei Hochwasser, wenn eine Verbauung nicht mehr standhielt. Geschiebe sammelte sich an und verstopfte immer wieder an nicht vorhersehbaren Stellen die eingeengten Gewässer. Es kam zu Überschwemmungen und anschliessend zu mühsamen Räumungsarbeiten.

Zivilisatorischer Prozess

Die SVIL schreibt: «Also wurde die Gewässerkorrektion weiterentwickelt. Der weiter eingeengte Gewässerkanal wurde für den Geschiebetransport umgebaut und mit hohen Seitenwuhren versehen, die das Überlaufen bei Hochwasser verhinderten. Diese Entwicklung wird heute als grosse Gedankenlosigkeit kritisiert und mit einer Rationalismus-, Technik- und Aufklärungskritik vermischt, die jedes prozesshafte Verständnis für die Geschichtsentwicklung vermissen lässt.» Der naturnahe Raum der einst über den ganzen Talboden mäandrierenden Gewässer sei im Laufe der letzten 200 Jahre verschwunden. «Das ist ein zivilisatorischer Prozess, den man bedauern kann», schreibt die SVIL und fragt: «Kann man ihn rückgängig machen?» Dies müsse man diskutieren, um wieder ein Verhältnis zur Realität, das heisst auch zum Verhältnis zwischen Bodengrundlage und grenzenlos wachsender Bevölkerungszahl zu bekommen.

Wirtschaftsreform nötig

Die aktuelle Wirtschaft zeichne sich durch einen enormen Stoffumsatz aus. Das habe die verbliebenen Gewässer stark belastet. Einem Teil der unmittelbaren Probleme sei man mit Kläranlagen Herr geworden; jedoch zeige sich, dass die Mikroverunreinigung (bis zur Geschlechtsumwandlung) bei Fischen nicht gelöst sei. Es brauche eine Wirtschaftsreform, die den Verschleiss und den Stoffumsatz reduziert, der aktuell durch die auf das Wachstum des Geldkapitals ausgerichtete Wirtschaft erzwungen werde. Es muss laut SVIL ein Ziel sein, die ganze Wirtschaft so zu reformieren, dass die Naturgrundlage, von der wir leben, nicht immer weiter geschädigt wird.

In Bezug auf die dritte Rheinkorrektion werde aber eine ganz andere Diskussion geführt. «Die Immobilienwirtschaft will die Gewässeraufweitung für Erholungszonen nutzen, die für die weitere Siedlungstätigkeit in der Wachstumsregion Rheintal wertsteigernd sind», schreibt die SVIL. Damit sei alles gesagt: Die Banken können weiter Geld schöpfen, der Geldkreislauf kann mit Krediten weiter ausgedehnt, die Aktienmärkte stabilisiert und die Pensionskassen vor dem Absturz bewahrt werden. Die Schutzorganisationen können weiter ihre Arten zählen und Spendengelder für ihre Einsätze beziehen. Am Grundkonflikt, dass wir eine umfassende Wirtschaftsreform brauchen, um den Konflikt unserer Wirtschaftsweise mit der nicht vermehrbaren Naturgrundlage zu lösen, wird so gar nichts geändert.

«Reformwille fehlt»

Und weil zurzeit der Wille zur Reform fehle und eine grössere Krise absehbar sei, «bleiben wir darauf angewiesen, das zu behalten, was wir noch haben, das wenige Landwirtschaftsland, das uns helfen wird, die kommende Krise zu mildern», schreibt die SVIL.

Im Wissen um diesen Konflikt sei es lebenswichtig, die bestehenden Wuhren zu verstärken, das Vorland für die Landwirtschaft zu erhalten und das Feinrelief dieses Landes nicht zu zerstören, sondern zu nutzen für die Bodenmaterial-Gewinnung zwecks Bodenverbesserung der sackenden Moorböden. Auch sei mit Flachwasserzonen, Fischtreppen und künstlichen Laichplätzen der Fischbestand zu stärken. «Das alles mit viel weniger Bodenverlust und viel weniger Geld, das ja bereits fehlt», meint die Schweizerische Vereinigung Industrie und Landwirtschaft. (gb/pd)