Nachwuchsteam für Thomas Litscher

Zwei Monate nach dem Saisonende hat der 27-jährige Thomas Litscher endlich ein Team gefunden: Er fährt nächste Saison für JB-Brunex-Felt. Finanzieren muss er sich allerdings über Privatsponsoren.

Yves Solenthaler
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Zurück zu den Wurzeln: Mit einem Felt-Mountainbike wurde Thomas Litscher 2011 in Champéry U23-Weltmeister. (Bild: Archiv/Yves Solenthaler)

Zurück zu den Wurzeln: Mit einem Felt-Mountainbike wurde Thomas Litscher 2011 in Champéry U23-Weltmeister. (Bild: Archiv/Yves Solenthaler)

JB-Brunex-Felt ist ein Schweizer Nachwuchsteam, die bekannteste Fahrerin ist Sina Frei. Sie gewann letzte Saison den U23-Gesamtweltcup und wurde 2015 Europameisterin der Juniorinnen.

Das Team bleibt eine Nachwuchsequipe. Für Thomas Litscher macht Teamchef Joe Broder aber eine Ausnahme – der Thaler, der inzwischen in Rheineck wohnt, war auf einem Gerät der Marke Felt im Jahr 2011 in Champéry VS U23-Weltmeister geworden. «Ich kehre also zurück zu meinen Wurzeln», sagt Litscher, «ohne den WM-Titel auf einem Felt-Mountainbike hätte ich diese Chance nicht erhalten.»

Er muss sich über eigene Sponsoren finanzieren

Nachdem sich Litschers bisheriges Team, Multivan-Merida, zurückgezogen hatte, war abzusehen, dass die Suche nach einem neuen Team eine komplizierte Sache wird. Deshalb ist er in erster Linie froh, endlich ein Team gefunden zu haben. JB-Brunex-Felt stellt Litscher das Material und die Betreuer zur Verfügung, einen Lohn erhält er aber nicht. Das bedeutet, dass er sich ab sofort auf die Suche nach Privatsponsoren machen muss. Dafür erhält er auf dem orange-schwarzen Trikot Platz, um diese zu präsentieren.

Natürlich hat Thomas Litscher im Cross-Country-Zirkus nicht mehr denselben Stellenwert wie vor vier Jahren, als er noch als zukünftiger Weltmeister gehandelt worden war. Inzwischen warfen ihn Verletzungen und Krankheiten immer wieder zurück. Doch er fuhr dennoch in jeder Saison mindestens einmal in die Top 10 des Weltcups.

Einem solchen Fahrer müsste es doch möglich sein, ein Team zu finden, das ihm gute Bedingungen bietet. Aber für Biker ausserhalb der absoluten Weltspitze ist es inzwischen sehr schwer geworden, einen neuen Arbeitgeber zu finden.

Litschers Teamkollege wechselt die Disziplin

Das haben auch ehemalige Teamkollegen von Litscher erfahren. Einer von ihnen, der Tscheche Ondrej Cink – U23-Weltmeister ein Jahr nach Litscher – wechselt deshalb auf die Strasse. Mathias Flückiger aus dem sich ebenfalls zurückziehenden Team Stöckli, immerhin Sechster an den Olympischen Spielen in Rio, muss froh darüber sein, dass sein früherer Teammanager Ralph Näf mit einem eigenen Team weitermacht – sonst hätte auch er kaum einen neuen Arbeitgeber gefunden.

Und Jolanda Neff hat erst in dieser Woche mitgeteilt, dass sie für die nächste Saison im polnischen Kross-Racing-Team Unterschlupf gefunden hat. Sie wird dort wieder Teamkollegin ihrer früheren Mitstreiterin Maja Wloszczowska.

Aber weshalb prosperiert der Sport nicht mehr so, wie er das vor ein paar Jahren noch getan hat? Die mediale Beachtung des Mountainbikes ist, zumindest in der Schweiz, stärker als noch vor ein paar Jahren. Die offiziellen Begründungen der Hersteller, die den Zirkus verlassen, sind bei der Erörterung dieser Frage wenig hilfreich.

Es ist aber sicher nicht falsch zu interpretieren, dass sie weniger Velos verkauft haben. Die «Neue Zürcher Zeitung» formuliert es so, es sei für viele zunehmend fraglich, ob der Rennsport das effizienteste Mittel ist, um eine breite Produktepalette zu bewerben. Denn die meisten Hobbybiker wollen nicht Schurters Rennmaschine, sie wollen ein Bike, mit dem sie gut den Berg rauf, aber auch komfortabel wieder runter kommen. Oder sie wollen gleich ganz die Komfort-Variante, das E-Bike.

Und die Mountainbiker hatten auch zur besten Zeit fast nie Sponsoren von ausserhalb der Zweiradbranche.

Ein weiterer Grund ist wohl auch, dass das Image des Strassenradsports wieder besser geworden ist. Oder besser gesagt: Weil das Thema fast nur noch russisches Staats-Doping heisst, wird der Radsport nicht mehr derart prominent in die Schmuddelecke gestellt. Und dass die Strasse für Sponsoren attraktiv ist, kann ermessen, wer in der wärmeren Jahreszeit hie und da auf Eurosport zappt: Dort läuft fast immer ein Velorennen. Der Mountainbike-Weltcup wird jedoch fast nur im Internet-TV übertragen.

Eine Rolle dürfte auch spielen, dass bei den Männern nur noch Nino Schurter, Julien Absalon und – an einem seiner seltenen guten Tage – Jaroslav Kulhavy im Weltcup echte Siegchancen besitzen. Und auch die frühere Strategie des Weltverbands UCI, mit den Rennen näher zu den Leuten zu kommen, ist offenbar aufgegeben worden. Jedenfalls stösst der Entscheid, die WM 2017 in Cairns (Australien) durchzuführen auf breite Kritik – nicht zuletzt, weil so immense Reisekosten entstehen.

Saison wirtschaftlich und sportlich vorbereiten

Alle diese Punkte machen auch Thomas Litscher das Leben schwer. Aber immerhin hat er ein Team gefunden, um nächste Saison wieder im Weltcup fahren zu können. Aber parallel zur Saisonvorbereitung, die bereits begonnen hat, muss er nun Sponsoren suchen, um nächstes Jahr einen Lohn zu erhalten.

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