Munteres Rotlicht im Rheintal

REGION. Die Prostitution und das Milieu drum herum funktionieren wie andere Bereiche in der freien Marktwirtschaft, sagt der «Milieu-Anwalt» Valentin Landmann. Er gab unserer Zeitung nachstehendes Interview – eine Woche vor seinem Auftritt am rdv-Neujahrsanlass in Berneck.

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Valentin Landmann, «Milieu-Anwalt», «Gangster-Anwalt». (Bild: pd)

Valentin Landmann, «Milieu-Anwalt», «Gangster-Anwalt». (Bild: pd)

Grüezi Herr Landmann, ich erreiche Sie in Hamburg. Spüren Sie zum Jahreswechsel Ihrer vor genau dreissig Jahren verbrannten Habilitationsschrift nach?

Valentin Landmann: (lacht) Sozusagen. Seit meiner Zeit damals am Max-Planck-Institut in Hamburg komme ich regelmässig hierher. Das ist mein Rückzugsort. Hier erhole ich mich, tanke auf, und hier entstanden alle meine Bücher.

Welches ist Ihr bevorzugter Ort in Hamburg?

Landmann: Ich wohne regelmässig im Hotel Atlantic. Das ist ein schönes, altes Hotel, und die Leute kennen mich inzwischen. Ich treffe hier meine Bekannten, wie Leute von den Hells Angels und auch andere. Aber am liebsten setze mich an ein Tischchen bei einem Kaffee oder Tee und diktiere Texte, die später Bücher werden. – Und ich fresse mich quer durch die Stadt.

War der Entscheid richtig, die Habilitationsschrift zu schreddern?

Landmann: Ich kehrte damals dem Universitätsbetrieb definitiv den Rücken. Aktuell öffne ich mich ihm wieder. Ich sagte auf eine Anfrage der Universität Luzern meine Mitarbeit zu für eine Vorlesungs-Übung über Strafverteidigung.

Erinnern Sie sich an Ihren letzten öffentlichen Auftritt in Berneck?

Landmann: Ich kenne die Ostschweiz und das Rheintal sehr gut, bin ich doch in St. Gallen aufgewachsen. Das Rheintal schätze ich als schöne Landschaft, mit guten Menschen, die auch geistig regsam sind. Mit guten Bratwürsten. Wie in St. Gallen. Wa wotsch meh? – Naja, das Kulinarische ist mir eben wichtig.

Sie haben vor etwa15 Jahren am Bezirksgericht in Berneck eine bekannte Rheintaler Milieu-Grösse verteidigt.

Landmann: Daran erinnere ich mich nicht mehr, aber das ist sehr gut möglich. Ich habe im Rheintal gute Bekannte. Die Region ist auch auf dem Gebiet des Rotlichts sehr munter und rege.

Warum?

Landmann: Wegen der Grenzlage, unter anderem. Österreich hat zwar auf dem Gebiet des Rotlichts eine liberale Gesetzgebung, aber das Land Vorarlberg ist sehr streng und verbietet Strassenprostitution, Bordelle und Studios. Das andere ist die Freizügigkeits-Regelung, die es Frauen aus europäischen Ländern ermöglicht, legal in der Schweiz zu arbeiten. Zwar wird manchmal versucht, ihnen formaljuristische Steine in den Weg zu legen, aber grundsätzlich dürfen sie in der Schweiz arbeiten. Auch dies hält das Gewerbe im Rheintal lebendig.

In Au gibt es mindestens vier Bordelle aber keinen Lebensmittelladen mehr. Ist das gut?

Landmann: Ich finde es schade, wenn es keinen Lebensmittelladen mehr hat. Aber das Beispiel zeigt gut, wie der Markt wirkt. Offenbar haben die grossen Lebensmittel-Ketten bewirkt, dass die kleinen Läden schlossen und die Menschen in der weiteren Region statt im Dorf einkaufen. Das Milieu entwickelt sich nach den genau gleichen Marktgesetzen. Wenn der Markt sich in eine bestimmte Richtung verändert, schliessen die Puffs wie Lebensmittelläden. Wenn es von etwas zu viel oder zu wenig gibt, reguliert der Mark das Angebot.

Letztes Jahr kündigte ein Privater an, in einer ehemaligen Fabrikhalle in Au ein Luxus-Bordell einzurichten; in der Art wie das Globe. Wissen Sie davon?

Landmann: Nein. Aber ich kenne das Globe in Schwerzenbach. Ein guter Bekannter von mir führt es, und es ist für mich – über die Schweiz hinaus übrigens – ein gutes Beispiel, wie man ein Bordell führen kann, ohne die Selbständigkeit und Selbstbestimmung der Frauen einzuschränken.

Sind die Ängste von Anwohnern in Au unbegründet?

Landmann: Im Prinzip muss man keine Angst haben vor einem legalen und korrekt geführten Bordellbetrieb. Vielleicht würden die anderen, kleineren Rotlicht-Betriebe im Dorf oder in der Region eine gewisse Abwanderung oder Verlagerung spüren. Wer ein Grossprojekt verfolgt, muss besonders umsichtig und vorsichtig sein, weil er von Anfang an und auch nach der Eröffnung immer im Scheinwerferlicht von Behörden, Justiz und Öffentlichkeit bleibt. Zudem investiert jemand viel Geld in einen derartigen Betrieb und plant darum längerfristig. Das kann nur gut gehen, wenn man mit dem Gesetz schwimmt und nicht dagegen.

Das leuchtet ein, beruhigt aber Anwohner nicht.

Landmann: Bordelle sind für die Umgebung ruhige Betriebe. Die Verweildauer eines Gastes entspricht etwa jener beim Coiffeur – inklusive Dauerwelle. Bedenken wegen Drogen, Lärm, Verslumung, nächtlichem Verkehr usw. sind unbegründet. Die Gäste sind normale Bürger, die ruhig kommen und gehen und in der Regel auf Diskretion bedacht sind. Eine Frau, die an einem Arbeitstag fünf Gäste hat, gilt als sehr erfolgreich. Das heisst, dass auch ein relativ grosser Betrieb unwesentlich Mehr-Verkehr im Quartier generiert. Ein Bordell ist nicht zu vergleichen mit einer Disco, einem Drogenumschlagplatz oder auch einem grösseren Restaurant. In Bezug auf Frequenzen und andere Auswirkungen auf die Nachbarschaft ist ein Bordell vergleichbar mit einem Ärztehaus.

In Vorarlberg gibt es Bestrebungen, von Behörden und Investoren, in Hohenems das erste legale Bordell zu realisieren. Hätte das Auswirkungen auf die Branche diesseits des Rheins?

Landmann: Gewiss. Ich würde es begrüssen, wenn Vorarlberg abkäme von seinen sehr strengen Bestimmungen. Zu den Auswirkungen: Konkurrenz belebt das Geschäft und schadet auch in diesem Wirtschaftszweig nicht. Es ist nicht so, dass hier eine Mafia wirksam würde, die alle Konkurrenten niedersäbelt. Auch hier gewinnt letztlich der Beste.

Würden ein paar Betriebe in der Schweiz schliessen, wenn Vorarlberg weniger restriktiv wäre?

Landmann: Vielleicht würden einige etwas mehr Konkurrenzdruck spüren. Aber die Grenze wirkt auch, indem Kunden, die besonders Wert legen auf Diskretion, lieber in Betrieben auf der jeweils anderen Seite der Grenze verkehren – in der Hoffnung, dort weniger erkannt zu werden. Sie treffen dann vielleicht doch im Whirlpool ihre Kollegen. Die Grenzgebiete waren schon immer interessant für das Milieu. Darum gibt es eine Häufung von Bordell-Betrieben auch im Grenzgebiet Schweiz – Deutschland – beidseits der Grenze.

Ist es despektierlich, Sie Milieu-Anwalt zu nennen?

Landmann: Nein. Man kann mich Gangster-Anwalt nennen, Rocker-Anwalt, White-Collar-Crime-Anwalt. Das stimmt jeweils für einen bestimmten Sektor meiner beruflichen Praxis. Man kann es mir vorwerfen. Es ist, wie wenn man einem Arzt vorwirft, dass er Kranke behandelt. Das Rotlicht-Milieu ist nicht eine Praxis-füllende Aufgabe, sondern ein Aspekt. Ich interessiere mich dafür, weil häufig Leute allein aufgrund wechselnder Gesetzgebung völlig unnötig kriminalisiert werden.

Was unterscheidet Sie von Wirtschaftsanwälten in anderen Branchen?

Landmann: Mich fasziniert der Mensch in all seinen Facetten. Vor allem das Warum. Warum passiert etwas? Warum gleitet jemand in der Gesellschaft aus, strauchelt und stürzt? Was kann ich tun, diese Menschen zu stützen oder wieder aufzurichten? Diesen Fragen begegnet man im Zivilrecht weniger als im Strafrecht. Sie machen – für mich – das Strafrecht so faszinierend.

Etwas ganz anderes: Wie läuft das Geschäft mit den «Nackten Tatsachen», Ihrem neuesten Buch?

Landmann: Gut. Die erste Auflage war innert eines Monats verkauft. Der Verlag hat sofort neue Bücher nachgedruckt. Das Buch ist wieder erhältlich.

Sind die unglaublichen Geschichten alle wahr?

Landmann: Die geschilderten Fälle und Personen haben alle einen Bezug zu mir und zu dem, was ich in der Praxis erlebt habe. Alle Geschichten sind wahr. Ich habe sie aber in Details so verändert, dass man vor allem die Personen nicht sofort und allgemein erkennt.

Was erzählen Sie der Rheintaler Polit-, Gesellschafts- und Wirtschafts-Prominenz am Neujahrsanlass der Rheintaler Druckerei und Verlag AG? Lesen Sie vor?

Landmann: Lesen können die Leute selber. Ich erzähle dem Publikum, wie die Halbwelt, diese Spiegelwelt der Gesellschaft, funktioniert. Es ist nicht unpassend, sich zum Jahreswechsel Gedanken darüber zu machen: Wie verhalten wir uns gegenüber Kriminalität? Und wie verhalten wir uns gegenüber dem Rotlicht, das keineswegs kriminell sein muss? Wie verhalten wir uns sinnvoller- und vernünftigerweise, um unerwünschte Auswüchse in der Entwicklung zu vermeiden, die genau das Gegenteil dessen sind, was wir erreichen wollten?

Dass Bordelle wie die übrige Wirtschaft funktionieren, wenn man sie gewähren lässt?

Landmann: Ich werde klarmachen, dass diese Spiegelwelt der Gesellschaft genau gleich funktioniert wie die Gesellschaft selber. Die bekannten Marktmechanismen spielen auch im Rotlicht-Milieu vollkommen normal. Es ist einfach, wenn man die Hürde des Denkens einmal genommen hat, zu sehen, dass die Menschen in dieser Branche genauso denken, fühlen, funktionieren wie wir alle. Und sie reagieren auf die gleichen Anreize genau wie wir alle. Wer das erkannt hat, erkennt auch, wo wir mit unserer Gesetzgebung falsch liegen. Das ist eine Anregung, die ich dem Publikum ins neue Jahr mitgebe.

Interview: René Schneider