Mütterliche, göttliche Liebe

Seit einigen Wochen basteln Kinder in Kindergarten und Schule Geschenke. Dem Mami wird davon nichts verraten, dem Vater wird hinter vorgehaltener Hand verraten, dass sie davon nichts wissen darf.

Carsten Wolfers Diakon In Widnau
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Seit einigen Wochen basteln Kinder in Kindergarten und Schule Geschenke. Dem Mami wird davon nichts verraten, dem Vater wird hinter vorgehaltener Hand verraten, dass sie davon nichts wissen darf.

Der Muttertag ist ein schöner Brauch. Einmal im Jahr wird den Müttern speziell dafür gedankt, dass sie Mütter sind. Dazu gehören viele kleine Aufgaben, viele Kompetenzen, die das Leben mit Kindern lehrt, viel an Zuwendung, Zeit und Hingabe. Einmal im Jahr bekommen Mütter dafür Geschenke, werden zum Brunchen eingeladen, oder dürfen erleben, wie einige ihrer Aufgaben von anderen übernommen werden.

Der Brauch steht nicht in der Kritik, wohl wird aber diskutiert, wie und warum der Muttertag begangen wird. Momentan kann man im Internet darüber abstimmen, wie wichtig der Muttertag ist, von ganz wichtig bis hin zu überhaupt nicht wichtig. Man kann Interviews lesen, in denen die Zeitgemässheit hinterfragt wird, und ob es nicht eher einen Elterntag brauche. Irgendwo gibt es wohl einen Vatertag, aber für den gibt es weder den Brauch noch das wochenlange Basteln. Und wenn man schon besonders der Mütter gedenkt, müssen dann nicht auch die vielen anderen bedacht werden, die auch für Kinder da sind, die sich für die Kleinen engagieren und einsetzen, die vielen anderen, die mit mütterlichem Gefühl aushelfen und ihren Beitrag in Kultur und Gesellschaft einbringen? Es könnte ja jemand beim Danken vergessen werden. Aber wenn ich allen allgemein danke, dann geht bereits das Besondere dieses Dankes wieder verloren.

Aus christlicher Sicht mag es wichtiger sein, warum wir Müttern danken, als wie wir danken. Dann ist es weniger wichtig, ob Mami an diesem Tag einen freien Tag mit Geschenken für sich bekommt, sondern wichtig ist, dass Mütter ein Beispiel geben von hingebender Liebe. Das ist eine Liebe, die nicht für sich denkt und handelt, sondern ihre Freude hat für andere da zu sein. Man drückt das heute mit dem hochtrabenden Wort Proexistenz aus, um zu beschreiben, dass dort ein Mensch sein ganzes Leben und seine ganze Existenz in den Dienst an anderen stellt. Was darin allgemein gilt, wird deutlich, wenn ich Mütter vor Augen habe. Sei es in den Stunden des Gebärens, sei es in den mindestens zwei Jahrzehnten der Erziehung und Familie, die folgen.

In vielen Kirchen wird an diesem Wochenende das Evangelium vorgelesen, in dem Jesus Christus sagt: «Niemand hat eine grössere Liebe als derjenige, der sein Leben gibt für seine Freunde.» Er sagt das freilich nicht nur, um seine Jünger zu solch hingebungsvoller Liebe zu motivieren, sondern auch um zu sagen, dass er selbst mit seiner göttlichen Liebe sich hingibt, eben weil Gott liebt. Das allerdings machen Mütter in ihrer konkreten, existenziellen Art, wie sie für andere da sind, deutlich. Die Bräuche mögen sich wandeln. Die Bastelarbeiten auch. Die Debatten gehen mit ihrer Zeit. Aber bleiben wird das Mütterliche in der göttlichen Liebe wie das Göttliche in der mütterlichen Liebe.

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