Monsieur Biedermeier

Er gehörte im Jahr 1996 zu den Gründern des Heidler Biedermeierfestes. Alex Rohner amtet auch dieses Jahr wieder als OK-Präsident des Anlasses. Für den Direktor der Hirslanden-Klinik Am Rosenberg in Heiden ist das alle vier Jahre stattfindende Fest ein persönliches Highlight.

Karin Erni
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Herr Rohner, warum feiert Heiden eigentlich alle vier Jahre das Biedermeier-Fest?

Alex Rohner: Im Jahr 1996 haben Vertreter vieler Vereine von Heiden überlegt, was für ein Dorffest wir in Heiden neu etablieren könnten. Es sollte etwas Unverwechselbares sein, etwas, das sich vom Bisherigen unterscheidet und einmalig ist in der Schweiz. So, wie beispielsweise die Rosenwoche in Bischofszell. Wenn ich mich recht erinnere, war es Erika Graf aus Heiden, die die Idee mit dem Thema Biedermeier hatte. Sie regte an, eine Begebenheit aus dem Jahr 1988 aufzunehmen und zu wiederholen. Damals hatten sich einzelne Leute anlässlich der 150-Jahr-Feier des Gedenkens an den Dorfbrand in Biedermeierkleidung unters Festvolk gemischt. Das ist sehr positiv aufgenommen worden. 1996 wurde der Verein Biedermeier-Fest Heiden gegründet, welcher mit Unterstützung anderer Vereine 1998 das «zweite» Biedermeier-Fest durchführte.

Ist Heiden also quasi DAS Biedermeierdorf?

Rohner: Architektonisch auf jeden Fall. Am 7. September 1838 wurde Heiden bekanntlich durch einen verheerenden Dorfbrand fast vollständig zerstört. Nur zwei Jahre später waren bereits 58 Häuser in der klassizistischen Architektur der Biedermeierzeit neu erstellt. Diesem Umstand verdankt der Dorfkern von Heiden sein einheitliches Erscheinungsbild und das unvergleichliche Ambiente. Am Fest ist der Dorfkern frei vom Auto- und Postautoverkehr und so können die zahlreichen im Biedermeierstil gekleideten Leute quasi als Statisten den Dorfkern beleben.

Wird das diesjährige Fest noch grösser als das im Jahr 2010?

Rohner: Nein, wir haben die Anzahl der Schausteller und Umzugsteilnehmer gleich belassen, denn wir wollen nicht immer grösser werden. Das wäre dem Anlass abträglich. Bei der letzten Durchführung hatten wir mehrere Tausend Zuschauer am Umzug. Damals ist der Verkehr im Appenzeller Vorderland fast zusammengebrochen, weil viele Besucher mit dem Auto angereist sind. Heiden ist in diesen Tagen sehr gut durch den öffentlichen Verkehr erschlossen. Es gibt zusätzliche Postautokurse und Fahrten mit dem Dampfzug «Rosa» von Rorschach her.

Wie profitiert Heiden von dieser Veranstaltung?

Rohner: Der Anlass ist ein Publikumsmagnet und strahlt weit über die Grenzen der Ostschweiz hinaus. Er ist eine grossartige Werbung für das Dorf. Vor allem deutsche und österreichische Medien berichten jeweils umfangreich darüber. Letztes Mal brachte beispielsweise der süddeutsche Sender SWR einen dreiviertelstündigen Beitrag über das Biedermeierfest. Unter den biedermeierlich gekleideten Personen sind auch viele Deutsche. Von den 21 am Umzug teilnehmenden Gruppen sind dieses Jahr zehn aus Deutschland. Aber auch die Dorfvereine können profitieren. Sie betreiben zahlreiche Festwirtschaften und können so einen schönen Batzen in ihre Vereinskasse erwirtschaften.

Ist das Fest vor allem für ältere Leute interessant?

Rohner: Ganz und gar nicht. Das Biedermeier-Fest ist für Jung und Alt, für Gäste aus nah und fern und auch ein familienfreundliches Fest. Es gibt für alle etwas zu sehen und zu erleben. Für die Kinder sind die alten Spiele, die sie ausprobieren können, besonders interessant. Auch die vielen Handwerker, die in den Zelten längst vergessene Künste und Fertigkeiten vorführen, beeindrucken erfahrungsgemäss Gross und Klein. Wir achten bei der Auswahl der Schausteller immer darauf, dass kein gewöhnlicher, kommerzieller Jahrmarkt entsteht. Es sollen spezielle, wenig bekannte Handwerke aus der Biedermeierzeit vorgestellt werden. Typische Beispiele sind Hutmacher, Haarflechten, Buchbinden, Stroh- oder Klöppelarbeiten. Der Festführer, der auch auf der Internetseite www.biedermeier.ch aufgeschaltet ist, zeigt das reichhaltige Programm.

Wie muss man sich ein Biedermeierfest vorstellen?

Rohner: Es ist kein Ramba-Zamba-Fest mit dröhnender Musik, sondern repräsentiert eher die «gute alte Zeit»: Das Tempo und die Hektik unserer modernen Zeit bleiben für einmal ausserhalb der Dorfgrenzen. Sängergruppen, Geigenspieler, Drehorgelmänner, Zauberer und Gaukler prägen das Bild. Heidens Partnergemeinde Bezau im Bregenzerwald kommt jeweils mit einer Trachtengruppe nach Heiden. Auch dieses Jahr wird wieder unter anderem eine Biedermeiergruppe aus dem deutschen Bad Steben anreisen. Diese verdankt ihre Gründung, ganz ähnlich wie das Biedermeierfest, einer Jubiläumsfeier für das in der Biedermeierzeit gegründete «Bayerische Staatsbad». Wir haben bei ihnen gewissermassen ein bisschen Entwicklungshilfe geleistet und pflegen einen regelmässigen, freundschaftlichen Austausch mit den dortigen Organisatoren.

Sind Sie persönlich ein Fan des Biedermeierstils?

Rohner: Je mehr ich mich mit der Biedermeierzeit beschäftige, umso mehr steigt mein Interesse nicht nur an der Literatur, der Musik und dem Möbelstil, sondern natürlich auch an der Bekleidung. Man muss schon Freude an alten Sachen haben und gerne in historische Kostüme steigen. Ich mache es gerne, weil man dadurch auch schnell Kontakt zu fremden Leuten herstellen kann. Wenn wir als kostümierte Gruppe unterwegs sind, fallen wir natürlich überall auf. Bei Besuchen zum Beispiel in Radolfzell, Meersburg, Lindau oder St. Gallen wurden wir von sehr vielen begeisterten Passanten angesprochen. Mit solchen Auftritten machen wir immer auch Werbung für das Biedermeierdorf Heiden und für das alle vier Jahre stattfindende Fest.

Ist das Fest ein Wirtschaftsfaktor für Heiden und das Appenzellerland geworden?

Rohner: Dies ist schwer einzuschätzen. Das Biedermeierfest ist mittlerweile ein Publikumsmagnet geworden und trägt zum Standortmarketing bei. Im Jahr 2003 haben wir den Standortmarketingpreis durch die Regierung überreicht bekommen. Die Hotellerie ist während des Festes natürlich gut ausgelastet. Viele Besucher übernachten aber auch privat bei Verwandten oder Freunden. Von einer grösseren Gruppe weiss ich, dass sie jeweils im Naturfreundehaus am Kaien logiert. Das Fest ist auch beliebt für Klassenzusammenkünfte von ehemaligen Heidlern. Bei der Organisation des Biedermeierfest fallen aber auch verschiedene Kosten an. Helfer wollen bezahlt werden, Marketing, Verkehr und Sicherheit verursachen insgesamt Kosten in der Höhe von 70 000 bis 80 000 Franken. Diese decken wir mehrheitlich durch Sponsorenbeiträge. Nicht zuletzt dank geldwerter Beiträge in Form von Arbeits- und Dienstleistungen durch das örtliche Gewerbe können wir die Kosten im vernünftigen Rahmen halten.

Sie sind beruflich stark engagiert. Was ist Ihre persönliche Motivation, einen Teil Ihrer Freizeit zu opfern?

Ein lebendiges Vereinsleben ist mir sehr wichtig, ganz nach dem Motto «nicht nur davon reden, sondern auch etwas machen». Ich habe Freude an den vielen Kontakten mit den Einwohnern von Heiden, die tolle Zusammenarbeit im Organisationskomitee zu erleben, einen Beitrag für das wunderschöne Dorf zu leisten und den Gästen von nah und fern viel Freude am Fest zu bereiten. Der grosse Rückhalt und Wertschätzung durch den Vereinsvorstand und von den über 200 Vereinsmitgliedern ist das, was einen immer wieder motiviert. Ich kann mich nur so intensiv für die Vereinsarbeit engagieren, weil meine Frau Susanne mich unterstützt.

Ist das Fest mit seinem Umzug nicht extrem wetterabhängig?

Bis jetzt hatten wir das Glück, meist schönes Wetter zu haben. Wir haben aber immer auch eine Schlechtwettervariante parat. In diesem Fall würden wir kurzfristig auf der Strasse beim Kursaal ein zusätzliches Zelt aufstellen. Darin könnten wir auch die Biedermeiergruppen vorstellen und das Publikum kann sich darin vor dem Regen geschützt aufhalten. Parallel zum Fest bieten wir ein interessantes Rahmenprogramm an. So findet im Haus zur Palme eine humoristische Schubertiade statt. Dieses Jahr wartet das Museum Heiden mit einer Sonderausstellung zum Thema «Schulzeitzeugnisse» auf.

Kann man sich als Besucher auch ohne Biedermeierkleidung an das Fest wagen?

Selbstverständlich ist jedermann herzlich willkommen. Wie bei jedem Fest freuen wir uns auf viele Gäste, die in zeitgemässer Kleidung kommen. Wer allerdings gerne einmal das spezielle Gefühl in einem Biedermeierkleid erleben möchte, kann sich ein Kostüm mieten. Bis zu hundert Kostüme stehen allein in Heiden zur Ausleihe bereit. So kurz vor dem Fest ist das Angebot natürlich nicht mehr gross. Auch Verleiher im Rheintal oder in St. Gallen bieten Biedermeierkleider an.