Möbel vor der Müllhalde retten

REGION. Als Frau Spirig die Wohnung ihres verstorbenen Vaters räumte, entschloss sie sich, die neueren Möbel an eine Brockenstube zu übergeben. Das Interesse an der teuren Einrichtung war jedoch mässig: Fast vier Wochen sollte es bis zur Abholung dauern.

Seraina Hess
Drucken
Teilen
Kurt Kuster, Filialleiter der Heilsarmee-Brocki in Altstätten: «Engpässe gibt es bei uns selten.» (Bild: Seraina Hess)

Kurt Kuster, Filialleiter der Heilsarmee-Brocki in Altstätten: «Engpässe gibt es bei uns selten.» (Bild: Seraina Hess)

Die meisten Schubladen hat Frau Spirig* schon aussortiert, einige Zimmer geputzt, vieles in der Mulde entsorgt. Unter dem Mobiliar ihres verstorbenen Vaters befanden sich aber auch Möbel, die er sich erst vor ein paar Jahren zugelegt hatte: Ein Tisch, acht Stühle, ein Regal, ein Schreibpult, ein Kleiderschrank und ein Bett, alles aus massivem Holz geschreinert.

Frau Spirig hatte keine Zeit, die Einrichtung im Internet auszuschreiben und auf einen Käufer zu warten. Die Nachmieterin hat den Vertrag bereits unterschreiben, die Wohnung sollte im Juni bezugsbereit sein. Deshalb entschloss sich Frau Spirig, auf Geld zu verzichten und die Möbel einer Brockenstube der Region zu übergeben.

Anfang Mai telefonierte sie mit zwei Unternehmen: mit der Blaukreuz-Brockenstube in Berneck und der schweizweiten Zentrale der Heilsarmee Brocki. Beide Male wurde sie enttäuscht: Bis die Möbel besichtigt und allenfalls mitgenommen werden könnten, würden drei bis vier Wochen vergehen.

Wohnwände will niemand

Kurt Kuster, Filialleiter der Brocki Altstätten, kann sich nicht erklären, weshalb man Frau Spirig nur diesen Termin angeboten hat. Normalerweise betrage die maximale Wartezeit der Brocki-Kunden eineinhalb Wochen. «Unser schweizweites Dispozentrum plant in der Regel gut, so dass auch ein Chauffeur der St. Galler Filiale ins Rheintal fährt, falls wir bereits ausgebucht sind.» Engpässe könne es höchstens dann geben, wenn einer der Chauffeure in den Ferien ist oder Feiertage anstehen. Eine Alternative wäre, in der Altstätter Filiale direkt anzufragen, da diese Mitarbeiter ortskundig sind und besser einschätzen können als die Zentrale, ob ein Abstecher zu einer weiteren Wohnung im Zeitplan liegt.

Bei Frau Spirig hinterliessen die beiden Telefongespräche den Eindruck, die Brockenstuben der Umgebung hätten gar kein Interesse an gutem Mobiliar. Vor allem auch, weil die Disposition der Heilsarmee-Brocki bereits die Entsorgung der Möbel in Erwägung zog.

Kurt Kuster widerspricht: «Interesse haben wir immer, schliesslich werben wir intensiv für unseren Service.» Die Erfahrung habe allerdings gezeigt, dass sich unter den abgegebenen Möbeln immer ein paar Exemplare befinden, die sich nicht mehr verkaufen lassen. Das weiss auch Werner Lieberherr, Bereichsleiter Brockenstube des Blauen Kreuzes St. Gallen – Appenzell. Oft komme es vor, dass Leute den Zustand ihrer Möbel besser einschätzen, als er tatsächlich ist. «Grund dafür ist die emotionale Bindung, die die Besitzer zu den Einrichtungsgegenständen aufgebaut haben», sagt Lieberherr. Doch gerade wenn die Wohnung älterer Menschen geräumt werden muss, seien viele Möbel dabei, die auf dem Markt nicht gefragt sind. Ein gutes Beispiel sei die Wohnwand aus massivem, dunklem Holz. «Auch wenn es mir persönlich wehtut, ein hochwertig verarbeitetes Möbelstück zu Kleinholz und schliesslich zu Spanplatten verarbeiten zu lassen: Wir können Wohnwände nicht verkaufen. Ähnlich ist es mit Buffets.»

Kein Lager, kein Abholdienst

Werner Lieberherr sagt, es könne durchaus sein, dass es in der Brockenstube in Berneck längere Wartezeiten gibt. Vor allem in den Umzugsmonaten März, Juni und September sei die Filiale oft ausgebucht. Das Team sei klein, die Lagerfläche knapp. «Wenn wir keinen Platz mehr haben, können wir auch nichts mehr abholen», sagt der Bereichsleiter. Erschwerend kommt hinzu, dass die Blaukreuz-Brockenstuben in Gais, Berneck und St. Gallen eigenständig wirtschaften und Ware, die abgegeben wird, selten untereinander austauschen.

In Altstätten habe es noch nie an Platz gefehlt, sagt Kurt Kuster. Dies, weil Möbel und andere gebrauchte Gegenstände je nach Bedarf in die vier Ostschweizer Filialen der Heilsarmee-Brocki verteilt werden.

Möbel für Asylsuchende

Drei oder vier Wochen konnte Frau Spirig nicht warten, die Möbel mussten vorher weg. Deshalb kontaktierte sie eine dritte Anlaufstelle: die Heerbrugger Stelle der ABS Betreuungssysteme AG, die ihr von der Gemeinde empfohlen wurde. Schon nach ein paar Tagen wurden ihre Möbel abgeholt und zu Asylsuchenden und Flüchtlingen gebracht. Dass Frau Spirig hier keine Wartezeit in Kauf nehmen musste, ist aber reiner Zufall. Anita Bosser, Abteilungsleiterin Ostschweiz der ABS Betreuungssysteme, sagt: «Wir haben keine Lagerhalle und nehmen deshalb nur Möbel entgegen, die gerade benötigt werden.»

Immerhin kann sich Frau Spirig nun sicher sein, dass die Einrichtung ihres Vaters nicht recycelt oder gar entsorgt wird.

*Name geändert

Aktuelle Nachrichten